Film

"London Boulevard"

Sascha Westphal

Nachdem der Olymp fast zwei Jahrtausende lang verwaist war, hat er nun neue Bewohner gefunden. An die Stelle der Götter sind in "London Boulevard", William Monahans Verfilmung von Ken Bruens Roman, Film- und Popstars getreten. Die von Keira Kneightley gespielte Schauspielerin Charlotte ist eine dieser neuen Göttinnen. Wo immer sie hinkommt, lauern Paparazzi auf sie.

Charlottes Freund und Vertrauter Jordan (David Thewlis), der als Produzent und Autor im neuen Olymp den Status eines Halbgottes hat, unternimmt alles, um die scheue Schauspielerin abzuschirmen. Aber alleine gelingt ihm dies nicht. Also engagiert er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Geldeintreiber Mitchel (Colin Farrell) als Mann fürs Grobe. Allerdings will ihn der Gangsterboss Gant (Ray Winstone) nicht aus seinen Fängen lassen.

Auf den ersten Blick folgt Monahan mit seinem Regiedebüt den Pfaden des englischen Gangsterfilms. Figuren wie Mitchel, der aus der Unterwelt aussteigen will, und Gant entsprechen den Konventionen des Genres. Selbst Keira Kneightleys ätherischer Filmstar passt als zwischen die Fronten geratende Schönheit in dieses Muster. Dennoch ist es ihre Charlotte, die alle Regeln außer Kraft setzt. Sie schwebt wie eine verirrte Göttin durch den Film.

Der grandiose David Thewlis, der eine bizarre existenzialistische Haltung in die Geschichte trägt, erklärt Mitchel früh, dass Charlotte aus einer anderen Welt kommt, in der einer wie er nur untergehen kann. Mitchel will davon nichts hören, und so ergeht es ihm wie allen Sterblichen, die sich in der antiken Mythologie zu den Göttern gesellen. Es gehört Mut dazu, eine Geschichte aus der Londoner Unterwelt zu erzählen, als sei sie ein erst heute entdeckter Gesang aus Ovids "Metamorphosen". Aber dieses Wagnis trägt wundervolle Früchte.

Gangsterfilm: GB 2010, 107 Min., von William Monahan, mit Keira Kneightley, David Thewlis, Colin Farrell

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