Zwölf Stunden

Die Fest-Angestellten

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Daniel Schalz

Beim 60. Bundespresseball stehen morgen Abend wieder die großen Namen der Republik auf der Gästeliste. 880 Mitarbeiter verwandeln das Hotel Intercontinental rechtzeitig in eine Partyzone

08:00: Sauer macht lustig? Wer mehr als tausend Zitronen zerteilen muss, sieht das anders. "Bis 15 Uhr werden die drei Kollegen heute wohl noch damit beschäftigt sein", sagt Henning Drenkhahn, Sous Chef Kalte Küche vom Hotel Intercontinetal in Tiergarten. Am Freitag werden sich die Gäste des 60. Bundespresseballs dort über 6500 Austern hermachen, und die schmecken nun mal viel besser mit einem Spritzer Zitrone. Unterdessen hofft Küchenchef Alf Wagenzink, dass besagte Muscheln pünktlich geliefert werden, und nicht wie im vergangenen Jahr erst eine Stunde vor Beginn des Balls. "Da bin ich dann schon etwas nervös geworden", sagt er. Am Freitag wird er rund 150 Köche dirigieren, die für das leibliche Wohl der mehr als 2500 prominenten Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien sorgen. "Da muss jeder Handgriff sitzen. Sonst gehen wir unter", sagt Wagenzink.

10:30: Michael Fuchs vom hoteleigenen Deko-Service "Flower's Best" füllt Glasgefäße von einem Meter Höhe mit Wasser. Dann lässt der gelernte Innenarchitekt und Florist einige grüne Pflanzen darin versinken: "Jetzt fehlen nur noch die Hummer", sagt er zufrieden. Am Freitag stehen die schlanken Wassersäulen auf dem Büffet.

12:30: Für derlei hat Alexander Horns bei seinem Rundgang keine Augen. Der Sicherheitschef des Interconti ist am Freitag mit rund 150 Polizisten, Feuerwehr- und privaten Sicherheitsleuten für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung verantwortlich. Deshalb kontrolliert er schon jetzt pausenlos: Versperren die Aufbauten einen Fluchtweg? Sind die Zugänge zu den Feuerlöschern gewährleistet? Steht möglicherweise ein auffälliger Wagen im kurzfristig eingerichteten Halteverbot vor dem Haupteingang? Nur die hochrangingen Gäste aus der Politik müssen er und seine Mitarbeiter nicht beschützen: "Darum kümmern sich die Kollegen vom BKA."

13:00: Der große Saal im Erdgeschoss des Hotels gleicht einer Baustelle. In allen Ecken hämmert und klopft es. Zwischen Stapeln großer Holzpodeste liegen Werkzeuge, es riecht wie im Baumarkt. Insgesamt sind die Ball-Mitarbeiter für Umbau und Service 10 000 Stunden im Dienst. Veranstaltungstechniker Thomas Gallerach und Hilfskraft Anke Matthäus befestigen nun Stoff auf Leisten. Die bunten Elemente sind für eine 40 mal fünf Meter große Wand im Foyer. Da das Thema des diesjährigen Fests "Metarmorphosen" lautet, also Verwandlungen, drehen sich die Elemente, um die Reflektion zu ändern. Insgesamt werden von Eventfirma Kaluza & Schmid, die das Design-Konzept entwickelt haben, rund 8000 Quadratmeter Stoff verarbeitet. So viel wie anderthalb Fußballfelder.

14:00: Mit dem Bundeskriminalamt stehen auch Personalreferentin Peggy Westphal und Direktionsassistentin Janine Wittka seit geraumer Zeit in täglichem Kontakt. Noch einmal gehen sie jetzt gemeinsam den großen Karteikasten mit Namenschildchen der rund 1000 Mitarbeiter durch, die am Freitag im Einsatz sein werden. Denn nicht nur jeder festangestellte Hotelbedienstete, auch zusätzliche Hilfskräfte und die Mitarbeiter aller Fremdfirmen müssen am Tag des Balls eine persönliche Kennzeichnung tragen und werden zuvor vom BKA überprüft. "Wer dem Verfassungschutz schon einmal aufgefallen ist, etwa durch eine Festnahme bei einer Demo, oder einen Eintrag wegen Körperverletzung hat, scheidet als Arbeitskraft auf dem Bundespresseball aus", erklärt Westphal.

15:00: Robert P. Herr bekommt langsam ein steifes Handgelenk. Als Hoteldirektor muss er zwar häufiger seinen Namen unter Schriftstücke setzen, doch 400 Unterschriften am Stück sind auch für ihn nicht alltäglich. Der 41-Jährige, seit September 2010 Berliner Interconti-Chef, unterzeichnet jeden Willkommensbrief für die Gäste des Bundespresseballs persönlich. Das gesellschaftliche Großereignis ist Chefsache. "Unser Anspruch muss sein, dass jeder Ball noch ein bisschen besser wird als der vorangegangene", sagt Herr. Er weiß, dass erst weit nach Mitternacht die Last der Verantwortung von ihm fallen wird.

16:00: "Grün, grün, grün sind alle meine Schürzen", geht es Annemarie Nazzal durch den Kopf. Die Auszubildende zur Hotelfachfrau bügelt im Keller grasfarbene Kittel im Akkord. Denn bis zum Freitag, wenn hier alle 250 Servicekräfte eingekleidet werden, müssen rund 1000 Kleidungsstücke faltenfrei sein. Die mehr als 200 Tischdecken und rund 1000 Stuhlhussen sollen dagegen nicht nur schön glatt sein, sondern auch feuerfest. "Deshalb werden sie vorher in eine Chemikalie getaucht, die das Entflammen verhindert", sagt Cinar Sibel, die Beschließerin der Wäschekammer.

16:30: Empfangschef Sebastian Germershausen blickt auf seine Armbanduhr. "Genau um diese Zeit wird am Freitag der größte Ansturm kommen", sagt er. Deshalb achtet er bei seinem Gang durch die Zimmer darauf, dass so viel wie möglich vorbereitet ist, schließlich wird ein kompletter Flügel des Hotels mit rund 200 der insgesamt 577 Zimmer ausschließlich Gästen zur Verfügung stehen. "Und die kommen fast alle gleichzeitig zwischen 16.30 und 18.30 Uhr an." Abgesehen davon seien die Übernachtungsgäste des Balls aber eher pflegeleicht: "Die checken ein, gehen auf den Ball, fallen totmüde ins Bett, kommen verkatert zum Frühstück und reisen wieder ab."

17:00: Die Wand aus mehr als 200 Scheinwerfern, die für die Disco im Pavillon neben dem Hauptportal entsteht, sieht schon jetzt beeindruckend aus. Dabei ist noch nicht eine Lampe an. Das ist gut so, sonst würde Veranstaltungstechniker Philipp Karnasch, der an einem Leuchter schraubt, ziemlich heiße Finger bekommen. 400 000 Watt wird allein die Beleuchtung in der Ballnacht verbrauchen - so viel wie ein Vier-Personen-Haushalt in einem ganzen Jahr.

17:30: Briefing für die Hotelangestellten. Gastronomie-Manager Tobias Viße gibt seinen Mitarbeitern einen Überblick, worauf bei Gästen, Kleidung und Veranstaltungsablauf besonders zu achten ist.

19:00: Im Restaurant Hugos, im 14. Stock, besprechen Alfred Gertler und Sternekoch Thomas Kammeier letzte Details des Vier-Gänge-Menus für die 850 Gäste mit Platzkarten, die für dieses kulinarische Extra 690 Euro statt 450 Euro zahlen. Seit 15 Jahren ist Journalist Gertler für die Organsation des Balls verantwortlich. Trotzdem ist er bei jeder neuen Auflage wieder nervös. Mit gemischten Gefühlen erinnert er sich etwa an das Jahr, in dem plötzlich die Holzplatten der Tanzfläche auseinander drifteten. "Aber schließlich bedeutete das ja auch, das da wohl ziemlich heftig getanzt worden sein muss", sagt Gertler amüsiert. Er selbst werde sich auf jeden Fall erst entspannen, wenn das letzte Glas ausgetrunken ist. Der letzte Schluck von bereitgestellten 3000 Litern Bier, 600 Magnumflaschen Champagner, 1200 Flaschen Sekt und 3000 Flaschen Weiß- und Rotwein.