Film: Der Gott des Gemetzels

Gepflegte Grausamkeiten

| Lesedauer: 4 Minuten
Hanns-Georg Rodek

Eine Grundregel des Kinos besteht darin, dass es mindestens einen Sympathieträger in jedem Film geben muss. In Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" gibt es vier Figuren, die sich eines schönen Nachmittags in einer Wohnung in Brooklyn versammeln, und es lohnt sich, bei ihnen einmal die Sympathieträgerprobe anzustellen.

Penelope (Jodie Foster) ist Mutter und nicht erfreut, dass ihr elfjähriger Sohn eines Tages blutend nach Hause kommt, zweier Zähne beraubt, von einem Spielkameraden ausgeschlagen. Sie ist aber auch Kunsthistorikerin und plant ein Buch über die Armut in Darfur; sie hat alles darüber gelesen. Ihr Mann Michael (John C. Reilly) verkauft Sanitäranlagen und hegt keine darüber hinaus reichenden Ambitionen. Nancy (Kate Winslet) ist die Mutter des bösen Raufbolds und scheint von daheim Investmentbanking zu betreiben; ihr Gatte Alan (Christoph Waltz) verdreht für große Firmen das Recht.

Man ist als Zuschauer schon nach einer Viertelstunde - die Paare treffen sich, um die Zahnsache zu regeln - recht ratlos, hinter wen man seine Sympathie werfen soll. Hinter Penelope, die krampfhaft im Jargon des politisch Korrekten gefangen scheint? Hinter Michael, der sich als Kraftwortpolterer gefällt? Hinter Nancy, die ihre Verachtung für dieses Paar nur mühsam zu verbergen vermag? Oder hinter Alan, dem die Übung am Arsch vorbei geht und der sich mit Hingebung alle paar Minuten ans Handy hängt, um seine Klientel bei der Schadensminimierung zu dirigieren?

Früher oder später begreift man, dass Yasmina Reza (die ihr Theaterstück adaptierte) und Polanski uns keine Identifikationsfigur geben werden - ganz im Gegenteil, es geht um Vorführung, das Quartett zerlegt sich immer mehr in seine atavistischen Bestandteile. Der Firnis der Zivilisation blättert. Jodie Foster legt ihre liberal-pazifistische Maske ab und schlägt auf ihren Mann ein, wobei das "Maskeablegen" wörtlich zu nehmen ist, denn als ihre wutverzerrte Fratze durchbricht, scheint auch Fosters ganzes Make-up verschwunden. Kate Winslet muss Gift und Galle und die Verzweiflung über ein unausgefülltes, nutzloses Leben in einen Sektkübel kotzen. John C. Reillys Weltsicht, dass sich mit einem pragmatischen Spruch und einem guten Whisky alle Probleme lösen lassen, wird demoliert, und auch der so weltmännische Alan sieht sich am verwundbarsten Punkt getroffen: Nancy tunkt sein Mobiltelefon in die Blumenvase.

Damit sind wir bei der Auflösung sämtlicher zivilisatorischer Loyalitäten. Die natürlichen Allianzen halten nicht mehr, die Ehepaare zerstreiten sich, Mann schließt mit Mann und Frau mit Frau situative Bündnisse; selbst der elterliche Schutzinstinkt wird außer Kraft gesetzt. Das erinnert an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", das vor fast 50 Jahren die Bühnen schockierte.

Jetzt gibt er keine Strohhalme mehr, nur noch den kompletten Zusammenbruch des bürgerlichen Humanismus. Es herrscht das Gesetz des Gottes des Gemetzels, dass man sich erst schlägt und dann sieht, was übrig bleibt, und seien es nur Scherben oder Tote. "Der Gott des Gemetzels" wirkt wie ein Akt des Zwiebelschälens, bei dem Polsterschicht für Polsterschicht um den harten menschlichen Kern entfernt wird: die Solidarität innerhalb der Familie, die liberale Menschenfreundlichkeit, die Sublimierung unserer Triebe durch Kunst - und am Ende bleiben nur noch Tränen.

Dieser Demontage zuzusehen, macht Spaß, denn die vier Zerstörer widmen sich der Aufgabe mit der Lust von Vollblutschauspielern. Doch der Spaß reicht nur bis zu einem bestimmten Punkt, ist man doch damit beschäftigt, seinen eigenen zivilisatorischen Lack vor den Schrammen zu verteidigen, die ihm hier drohen.

Und schließlich denkt man auch über die Zeitgebundenheit solcher Stücke nach. Rezas Stück, obwohl erst fünf Jahre alt, scheint in einer anderen Zeit zu spielen als der unseren. Die feinen Adjustierungen, die Polanski und Reza vornahmen, vermitteln nichts von der neuen Lebensangst der Mittelklasse. Das aber wäre die einzige Rechtfertigung, uns mit vier (zugegeben: amüsanten) Widerlingen für 80 Minuten in einen Raum zu sperren: Wenn wir die gleichen Ängste hätten wie sie.

Drama: F/E/PL/D 2011, 79 Min., von Roman Polanski, mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly

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