Mein perfekter Sonntag

Und abends ins Ballett

Wenn am Sonnabend die Glocken der St. Bernhard-Kirche in Dahlem läuteten, war ein kleines Mädchen sehr aufgeregt. "Dann wusste ich, dass es morgen zum Segeln auf den Wannsee geht", erinnert sich Marie-Luise Schwarz-Schilling an ihre Kindheit in den 30er-Jahren.

Die Familie war Mitglied im Verein Seglerhaus am Wannsee, 1867 gegründet, heute der zweitälteste Seglerverein Deutschlands. "Sonntags segeln, das hat meine ganze Kindheit bestimmt", sagt die Berlinerin, "da neben meinen beiden Geschwistern auch immer viele Erwachsene mit an Bord waren, habe ich auch etwas über die politische Lage im Land mitbekommen und begonnen, mir meine eigenen Gedanken zu machen."

Erst die Kirche, dann das Essen

Bis heute ist der Sonntag für die Autorin und ehemalige Unternehmerin ein ganz besonderer Tag geblieben. Den sie am liebsten im Kreise ihrer Familie verbringt: im Idealfall, wenn alle Zeit haben, mit Ehemann Christian Schwarz-Schilling, dem ehemaligen Postminister, der in Berlin lebenden Tochter und deren Familie. Bootsausflüge gehören heute nicht mehr zu den Wochenend-Vergnügungen, wohl aber der gemeinsame Kirchgang und anschließend ein gemeinsames Essen. "Als Kind stand auch noch der Familienspaziergang auf dem Programm. Den mochte ich gar nicht", erinnert sich die 78-Jährige, die heute in einer großzügigen Friedenauer Altbau-Wohnung lebt. "Mein Vater lockte mich jedoch damit, dass er mir dabei die Geschichte von Hannibal erzählte, wie er über die Alpen zog."

Das sonntägliche Familientreffen der Schwarz-Schillings findet etwa einmal im Monat statt und beginnt mittags. "Wenn wir alle gut drauf sind, treffen wir uns um zwölf Uhr am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf , dann beginnt die Eucharistiefeier mit Predigt in der Sankt Ludwig-Kirche", erzählt Marie-Luise Schwarz-Schilling. Sie räumt ein, dass die vier Enkel im Alter von 16 bis 22 Jahren damit zwar nichts am Hut hätten, dennoch neugierig auf die Familienzusammenkünfte seien und daher öfter mitkämen. Ein gutes Lockmittel: das anschließende Frühstück oder Mittagessen. Nur ein paar Schritte sind es von der Kirche zum Restaurant Weyers , wo sich die Schwarz-Schillings dann zum genüsslichen Mahl niederlassen. Dabei wird oft heftig debattiert, zum Beispiel über das Verhältnis zwischen Mann und Frau, über ein Berufsleben mit Kindern und über die Frage, ob Karriere das Privatleben beschädigt.

"Wenn der Brunch anregend war, setze ich mich schon einmal nachmittags an den Schreibtisch und schreibe ein Kapitel an meinem neuen Buch, in dem es um die unterschiedlichen Motive des Männlichen und Weiblichen geht, die erst seit zwei Generationen mit Brisanz zu Tage treten", sagt die Autorin. Im Jahr 2004 ist ihr Werk "Die Ehe - Seitensprung der Geschichte" erschienen.

Als eine der ersten Frauen in Deutschland hat Marie-Luise Schwarz-Schilling schon vor einem halben Jahrhundert eine führende Position inne gehabt. Von Ende der 50er- bis Anfang der 90er-Jahre leitete die studierte Diplomvolkswirtin die mittelständische Akkumulatorenfabrik "Sonnenschein" mit rund eintausend Beschäftigten im hessischen Büdingen nahe Frankfurt und in Berlin. "In den fast vier Jahrzehnten als Unternehmerin habe ich versucht, am Wochenende nicht zu arbeiten", erinnert sie sich. Das Unternehmen ist inzwischen verkauft, doch die Schwarz-Schillings haben noch ein Haus in der Nähe.

Eine Runde durch den Thielpark

Die ausgiebige Zeitungslektüre gehört am Sonntag ebenso zu den Gepflogenheiten wie Streitgespräche über Materie und Geist, Soziales und Grundsatzfragen. "Frühstückstische animieren mich zu Gesprächen", begründet sie. Das Desinteresse an Spaziergängen hat sich gelegt. Den Wald direkt vor der Tür, wird nachmittags eine Runde gedreht. "Wenn wir in Berlin einen Sonntagsspaziergang machen, dann meistens im Thielpark in Dahlem , da war ich auch schon als Kind", sagt sie. Der Vorteil der Anlage: Sie ist klein genug, um Zeit fürs Kaffeetrinken einplanen zu können.

Denn sonntags hat ein kleines Café, das Marie-Luise Schwarz-Schilling sehr schätzt, nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet. "Das Café LuLa bei mir in der Nachbarschaft ist sozusagen mein verlängertes Esszimmer. Alles in dem kleinen Café wird frisch zubereitet und schmeckt wunderbar", so die Friedenauerin. Regelmäßig steht Kultur zum Ausklang des Wochenendes auf dem Programm der Schwarz-Schillings. Dazu gehören Kinobesuche.

Das Faible der immer noch berufsaktiven Berlinerin aber - sie veröffentlicht politische, philosophische und wirtschaftliche Essays für Zeitschriften und Universitätsreihen und hält Lesungen - ist der Tanz. "Ich bin ein Fan des Staatsballetts Berlin." Die vereinten Ballett-Compagnien der drei Hauptstadt-Opernhäuser haben es ihr angetan, und sie schätzt klassische wie moderne Inszenierungen. "Bisher hatte ich es von Friedenau nicht weit zur Deutschen Oper. Durch die Staatsoper-Bespielung des Schiller Theaters gibt es nun eine zweite Ballettbühne in der Bismarckstraße", sagt sie. "Wenn das Staatsballett von Vladimir Malakhov sonntags auftritt, ist das ein perfekter Ausklang des Wochenendes."

"Als Kind mochte ich den Spaziergang mit der Familie gar nicht"

Marie-Luise Schwarz-Schilling, Autorin