Gourmetspitzen

Große Portionen und eine etwas zu schlanke Ente

Landhaus-Charme verzaubert die Gäste und steht im Zentrum lustvoller Auszeit-Planung. Ganz gleich, ob Hierzulande, in der Toskana oder in Portugal: stets ist es das Dreigestirn aus rustikal anheimelndem Ambiente, schönem Blick in die Natur (auf Meer oder Berge) und köstlich markanten Gaumenfreuden.

Allein der schöne Blick fehlt in Reinhard's Landhaus im Grunewald. Das Ambiente mit viel Holz, warmen Farben und liebevoll gestalteten Bilderwänden im Restaurant, dem prächtigen Garten und die für kühle Abende geschlossene und von Wärmestrahlern beheizte Terrasse entsprechen schönsten Landhausvorstellungen. Die Küche, um das vorweg zu nehmen, offeriert ordentliche Gerichte mit ungewöhnlich großen Portionen, etwa drei bis vier Mal so umfassend wie in der Quadriga oder dem Margaux. Wer freilich Höhenflüge der Gourmandise erwartet, ist hier im falschen Restaurant.

Die Vorspeisen, von der Quantität bereits kräftige Hauptgerichte, sind appetitlich zusammengestellt. Die Vereinigung der Aromen gelingt. Die Flusskrebsschwänze waren auf Eisbergsalat mit Champignons gebettet und mit Orangenfilets und einer sehr milden Cocktailsauce gewürzt. Die Portion des marinierten Tafelspitz mit gerösteten Kürbiskernen war ebenfalls gewaltig und der Rote-Bete-Salat mit Meerrettich, Cashew-Kernen und drei zarten Wachtelbrüstchen ist die beste Empfehlung. Ein guter Auftakt, wobei nur schade ist, dass die Brotvariationen unappetitlich kalt sind. Am letzten Sonnabend haben wir erst das Rezept mit aufgeheizten Kirschkernen im Leinensäckchen aufgeführt.

Die Palette der Vorspeisen beginnt sehr preisgünstig mit Kalbsfrikadellen und Kartoffelsalat oder einer Karotten-Ingwercremesuppe, beide Gerichte für jeweils 7,50 Euro. Bei den Hauptgerichten ist natürlich eine Menge Standard im Spiel, wie Rinderfilet mit Kräuterbutter, Wiener Schnitzel, Lammkotelett oder Steinbuttfilet. Wir entschieden uns für die Herbstkarte mit einem vorzüglichen Wildgericht, Hirschmedaillons, butterzart und aromastark, allerdings nicht mit den vorgesehen Mini-Zucchini und Kartoffeln, sondern Rotkohl und Serviettenknödel für die erstklassige dunkle Reduktion. Ich entschied mich für die Landente mit Rahmwirsing und gut gemachten (nicht fetten) Bratkartoffeln. Die halbe Ente war natürlich vorgegart, aber die Haut gelang durch Oberhitze recht kross. Freilich wünsche ich mir dann ein etwas fetteres Federvieh, das bei der Nachbehandlung im Fleisch nicht trocken und faserig wird. Am Nebentisch wurden Rinderrouladen serviert. Die großen, gut gebräunten Fleischrollen waren nach klassischem Rezept wie schon zu Großmutters Zeiten zubereitet, mit Speck, Zwiebeln und Gurke. Das garantiert ein saftiges Innenleben. Im Grunewald, dem alten Westen, wo einst mit Henry Levy der Berliner Küchenaufschwung begann, erwartet man auch ein paar Berliner Elemente, so die Kalbsleber Berliner Art mit Kartoffelpüree und den auf der Haut gerösteten Zander mit ausgebratenem, krossem Speck und Schnittlauchpüree. Nichts Neues in der Abteilung Nachspeisen: nur Schokoladen-Mousse, Vanilleeis, Kaiserschmarrn, die ganze Liste der üblichen Verdächtigen. Wie so häufig ist das Menü, das zu den Jahreszeiten wechselt, vom Preis-Leistungs-Verhältnis die beste Empfehlung. Drei, wie schon aufgeführt, voluminöse Gänge kosten 36 Euro.

Heutzutage positionieren sich derartige Landhaus-Restaurants mit ihrem Komplett-Angebot vom Frühstück (ab 9 Uhr) bis zum Champagner an der Bar. Bei meinem Besuch arbeitete der Service sehr aufmerksam. War unser Kellner am anderen Tisch beschäftigt, half auch die Restaurantleiterin, wenn man sie brauchte, spielte sich aber nie in den Vordergrund. Mit großer Gelassenheit "pflegte" sie ihre Gäste. Sie schaffte auch ohne Peinlichkeit ein Ärgernis aus der Welt. Von der eher dünnen Weinliste hatte ich mir den Pomerol Eglise ausgesucht, auch weil jetzt der angebotene Jahrgang 2001 so wunderbar trinkfertig ist. Ohne Ansage aber kam der 2003er. Viele Gäste, die nicht sorgfältig auf das Flaschenetikett achten, werden so über den Tisch gezogen. Ein Hinweis wäre das Wenigste gewesen. Bei meiner Kritik stand der Kellner hilflos in der Gegend herum. Die Restaurantleiterin machte für den auf der Karte aufgeführten, aber von diesem Jahrgang längst nicht mehr vorhandenen Wein ein Angebot zur Güte mit reduziertem Preis.

Positiv vermerken will ich auf der Weinliste das überaus breite Angebot an offenen Kreszenzen. Negativ anzumerken ist freilich, ein, wie mir scheint, typisches Reinhard's-Problem. Sowohl im Restaurant im Kempinski Hotel am Kurfürstendamm sowie im Landhaus sind die Wartezeiten entschieden zu lang. Interessant, dass diese Kritik auch von Gästen im Internet aufgeführt wird. Daran kann man noch viel verbessern.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Reinhard's Landhaus Koenigsallee 56, Grunewald, Tel. 895 38 00, www.reinhards-landhaus.de , Mo.-So. 9 bis 24 Uhr