Zwölf Stunden

Erste Schritte im Scheinwerferlicht

Proben mit Kunstblut und Ei. Bei der Uraufführung des Tanzstücks "Le Savali" am Haus der Berliner Festspiele stehen neben Profis auch Laien wie die 26-jährige Soraya Miroud auf der Bühne

08:30: Brigitte Fürle schließt die Türen am Foyer des Haus der Berliner Festspiele auf. Wenige Tage vor Start der Berliner Festspiele am 13. Oktober, arbeitet die künstlerische Leiterin von morgens bis spät in die Nacht. "Weil wir zum ersten Mal zwei eigene Produktionen im Programm haben", sagt sie. Brigitte Fürle kümmert sich um die Details. Etwa darum, wo der Festredner, Bundestagspräsident Norbert Lammert, sitzen wird, und ob die Künstler mit ihren Proben im Zeitplan sind. Auf die Produktion "Le Savali", die an diesem Tag im Gebäude der ehemaligen Freien Volksbühne in Charlottenburg geübt wird, ist Brigitte Fürle besonders stolz. Es spielen, singen und tanzen nicht nur Profis, sondern auch Laien. Viele sind junge Menschen mit Migrationshintergrund aus Neukölln. "Wir können die Jugendlichen so mit Theater vertraut machen", sagt Brigitte Fürle.

09:00: "Hallo! Stellen Sie bitte Ihr Auto woanders hin." Die Stimme, die dies über den Parkplatz hinter dem Berliner Festspielplatz ruft, gehört Burkhard Frank. Seit einem Jahr sitzt der 32-Jährige am Empfang des Künstlereingangs, lässt dort nur hinein, wer auf einer seiner ungezählten Listen steht. Und er kontrolliert den Parkplatz. Direkt vor der Tür darf niemand parken.

11:00: Friederike Schulz ist für das richtige Timing zuständig. Die sogenannte Inspizientin steht hinter der fahrbaren Tonloge neben der Bühne. Ihr wichtigstes Werkzeug hat sie allerdings am Ohr, es ist ihr Headset. Damit ruft sie Schauspieler auf die Bühne oder gibt den Tontechnikern den Einsatzbefehl, um Geräusche, Videos oder Musik einzuspielen. Vor den Proben am Nachmittag geht Friederike Schulz noch einmal ihre Notizen durch. Sie lernt sie auswendig, so wie Schauspieler ihre Texte.

11:50: Von Karin Hornemann ist im schwachen, blauen Licht nur wenig zu sehen. Die Bühnenbildnerin testet auf der unbeleuchteten Bühne sechs Lichtkästen aus Plexiglas. Auf den richtigen Effekt kommt es an. "Die werden von den Tänzern auf die Bühne getragen. Zusammen stellen die Boxen eine Art Stadt dar", sagt die 40-Jährige. Dabei dürfen die LED-Lampen nicht ausgehen. Bei der Produktion zu "Le Savali" sei alles anders, als bei einem normalen Schauspieltheater. "Wir benutzen hier keine alltäglichen Requisiten." Alle Teile des Bühnenbildes seien selbst angefertigt. "Das ist eine große Herausforderung, ich experimentiere viel herum." Erst vorhin hat Karin Hornemann Kunstblut solange verdünnt, bis es das richtige Rot hatte. Und Eier ausgepustet, um stattdessen Gel einzufüllen. Die Tänzer werfen während der Aufführung mit den Eiern auf einen symbolischen, gekreuzigten Jesus. "Wäre dann noch der ursprüngliche Inhalt drin, würde das sehr schnell anfangen zu stinken."

12:35: Franco Stirpe sorgt für das Essen. Egal, ob Tänzerin oder Techniker: Der italienische Kantinenchef und Koch will alle Mitarbeiter im Berliner Festspielhaus glücklich machen. Deshalb bereitet Franco Stirpe seit 23 Jahren täglich alle Speisen frisch zu, nichts ist vorgekocht oder tiefgefroren. "In einer größeren Kantine ginge das natürlich nicht, aber ich habe nur maximal 40 Gäste am Tag", sagt er. Stirpe sitzt an einem der fünf dunklen Holztische im Untergeschoss des Gebäudes, direkt vor der Theke, hinter der sein Herd steht. Nach Möglichkeit erfüllt Franco Stirpe die vielen Sonderwünsche der Künstler. Heute stehen Spaghetti mit Gemüsesoße, Minestrone, Antipasti und Leberkäse mit Spiegelei auf seiner Speisekarte. Kräftige Speisen mit viel Energie darin. Die meisten, so erzählt der Koch, äßen Spaghetti. "Egal ob Tänzer oder Techniker - wer sich viel bewegt, braucht Kohlenhydrate."

13:00: Der Regisseur Lemi Ponifasio beugt sich konzentriert über den Laptop. Der Neuseeländer wählt zusammen mit Brigitte Fürle Fotos aus, die der Presse zur Verfügung gestellt werden sollen. Eigentlich ist das nicht seine Aufgabe, aber bei der Produktion zu "Le Savali" ist alles anders. "Wir entscheiden gemeinsam", sagt Brigitte Fürle.

14:20: Langsam fährt der hintere Teil des schwarzen Bühnenbodens nach oben. Solange, bis die Bühne schräg steht. Produktionsleiter Albrecht Grüß sitzt an einem kleinen Pult und überprüft, ob die Technik funktioniert. Die Künstler, die später über die sechs Meter hohe Schräge laufen, sollen sicher sein. Albrecht Grüß will Stürze ausschließen. "Alles in Ordnung", sagt er am Ende. Die Proben können beginnen.

16:30: Soraya Miroud macht eine kurze Pause in der Garderobe. Die 26-Jährige ist keine Profitänzerin. Sie lebt in Neukölln und war arbeitslos, bis sie von Lemi Ponifasio gecastet wurde. Der Regisseur findet, dass in jedem Menschen Talent schlummert. Es komme bei ihm nicht auf eine gute Ausbildung an, sagt Lemi Ponifasio. Ein Glück für Soraya Miroud. "Das ist die Chance meine Lebens", sagt sie voller Hoffnung. Denn sie tanzt in jeder freien Minute, es ist ihre große Leidenschaft. Wenn sie auf der Bühne des Berliner Festspielhauses steht, sagt sie, dann vergesse sie einfach alle Sorgen.

17:20: Charles Koroneho von der Mau Company, der Tanzgruppe Ponifasios, streift durch den Schwarz gestrichenen Raum hinter der Bühne. Dabei dreht er seinen sehnigen Leib, fasst mal mit der einen Hand auf den Boden oder wirft seinen Oberkörper nach hinten. Die anderen Tänzer wärmen sich ebenfalls auf. "Das dient nicht so sehr zur Fitness", sagt Charles Koroneho. Vielmehr wollen Koroneho und seine Kollegen später bei den Proben mit Lemi Ponifasio locker und geschmeidig sein. Also tut es ihm Tänzerin Asuka Riedl gleich.

18:00: Der bulgarische Chor singt vor den Musikproben ein osteuropäisches Volkslied. Chorleiterin Boryana Cerreti-Velichkova ist nicht ganz zufrieden. "Du singst doch zweite Stimme", sagt sie zu einer lockigen Akteurin. Aus Versehen hatte diese sich wohl in der Tonlage geirrt. Beim Aufwärmen ist das nicht schlimm. Werden nachher aber die Werke des Brüsseler Komponisten Fabrizio Cessol gesungen, sollte jeder Sänger jeden Ton exakt treffen. Cessol selbst beobachtet das Ensemble. Sehr zurückhaltend. Er ist nicht sonderlich streng. "Ich genieße einfach den intuitiven Prozess mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten des Chors", sagt er.

19:30: Es war ein langer Tag für Tänzer Gerard Tatirera. Jetzt muss der Neuseeländer nur noch zur Kostümprobe, dann darf er ins Hotel, relaxen. Der Kleidertest dauert zum Glück nicht lang. "Alle Kostüme sind in Schwarz und Weiß, die Männer tragen Anzüge und Hemden", sagt Produktionsassistentin Christina Röfer. Nichts Kompliziertes also. Während der Vorführung darf allerdings kein Teil reißen oder rutschen. Christina Röfer steckt den Anzug deshalb mit Nadeln auf Maß. Gerard Tatirera, der seit sechs Jahren in der Mau-Tanzgruppe von Lemi Ponifasio tanzt, nimmt es gelassen. Auch wenn die Assistentin versehentlich mal daneben sticht.