Mein perfekter Sonntag

Mitten im Wald

Die persönlichen Ansichten von Autorin und Musical-Übersetzerin Anja Hauptmann über Berlin klingen so ganz anders als die üblichen Aussagen vieler Hinzugezogner. "Berlin ist ein wildes, aber schönes Straßenmädchen", sinniert die gebürtige Münchnerin und überzeugte Wahlberlinerin.

Oder sie sagt: "Berlin liegt mitten im Wald" - weil es in der Hauptstadt kaum eine Straße ohne Bäume gibt. Die Enkelin und Nachlassverwalterin des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann (1862-1946) zog vor 15 Jahren von München nach Berlin. "Es war einfach an der Zeit für Veränderungen", sagt sie beim Cappuccino im Café Croque am Olivaer Platz , unweit des Kurfürstendamms. Hier beginnt für die überzeugte Junggesellin der Anfang eines gelungenen Sonntagvormittags.

Kleines Familientreffen im Café

Wenn sie auf dem Fahrrad mit Mischlingsdackeldame Melina von ihrer Altbauwohnung an der Xantener Straße angeradelt kommt, gibt es im Café häufig - aber ungeplant - ein kleines "Familientreffen" mit Sohn Emanuel. Der Musiker und Komponist (aktuelle CD "Down to Earth", Trionauts) hat nur wenige Straßen weiter sein Musikstudio. Er wohnt mit seiner Familie in der Sächsischen Straße. Nach dem Frühstück geht's für Anja Hauptmann mit dem Fahrrad weiter durch den Park am Olivaer Platz oder zum Preußenpark an der Brandenburgischen Straße .

Bei schönem Wetter lockt ein Ausflug zum Schlachtensee, wo Anja Hauptmann stets mehrere Stunden verbringt. Mit ihrem Vierbeiner läuft sie den 5,5 Kilometer langen Ufer-Rundweg um den See. Nach dem Fußmarsch hat sie sich dann wahrlich ein Essen in ihrem Lieblingsrestaurant Alte Fischerhütte an der Fischerhüttenstraße in Zehlendorf verdient. Manchmal relaxt Anja Hauptmann anschließend beim Lesen draußen im Biergarten der Restauration mit Blick aufs Wasser. Klar, dass sie hier auch zugleich die Möglichkeit zum Schwimmen nutzt. Bei kühleren Temperaturen zieht es sie allerdings in die Fitness-und Wellness-Anlage "Aspria" an der Karlsruher Straße in Halensee. "Ich bin ein Wassermensch, schwimme für mein Leben gern."

Am späten Sonntagnachmittag fährt Anja Hauptmann zurück in ihre geräumige Wohnung nach Wilmersdorf. "Ich bin sehr gerne daheim, mein Zuhause hat ja keine nassen Wände", sagt die Autorin, die 200 Quadratmeter, auf fünf geschmackvoll eingerichtete Zimmer verteilt, bewohnt. Allein. "Ich brauche nicht ständig einen Mann im Hause. Ein fester Partner wäre mir in meiner Wohnung zu stressig. Ich bin nur bis zu einem gewissen Grad bereit, Kompromisse machen", sagt die selbstbewusste und finanziell unabhängige Frau.

Ihre Sonntagabende sind so gut wie immer verplant. "Ich gehe ins Theater, in die Oper oder ins Kino". Oft mit ihren heißgeliebten Enkelinnen Lissa (22) und Zoé (14) im Schlepptau. Wenn sie nicht unterwegs ist, kommt am Sonntagabend Besuch. Einer ihrer besten Freunde ist Schauspieler Thomas Fritsch, der außer seiner Münchener Wohnung auch eine Berliner Bleibe ganz in ihrer Nähe hat. Sie erinnert sich schmunzelnd: "Bei der Geburt meines Sohnes Emanuel kam er mit meiner Mutter in die Klinik und alle dachten, er sei der Vater. Ich lernte Thomas vor 45 Jahren kennen, damals war ich gerade schwanger." Fritsch gehört - wie auch Judy Winter - "zu den wenigen Menschen, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann", betont Anja Hauptmann.

Ein Film über den Großvater

"Ich bin dabei, einen Film über das Leben meines Großvaters auf die Reihe zu kriegen", umschreibt sie ihre Leinwand-Pläne. "Im kommenden Jahr wäre sein 150. Geburtstag und die Verleihung des Literaturnobelpreises jährt sich zum 100. Mal." Wer soll ihn darstellen? "Friedrich von Thun oder Armin Mueller-Stahl könnte ich mir vorstellen", lautet die prompte Antwort. Noch ist aber nichts entschieden. Außerdem plant Anja Hauptmann weitere Übersetzungen englischer Musicals. Erst kürzlich war sie zwecks Besprechungen in London. "Ich werde das Andrew-Lloyd-Webber-Musical ,The Boys and the Photograph' ins Deutsche übersetzen, für die Übersetzung des Musicals ,Ghost' bin ich zudem in Verhandlungen."

Nach Berlin kam sie erstmals Anfang der 60er-Jahre. Damals nahm sie Schauspielunterricht bei Hilde Körber, lebte drei Jahre lang in Westend. Ihre Erinnerung an das geteilte Berlin? "Sehr übersichtlich..." Im gewissen Sinne sei es sogar "sehr gemütlich" gewesen, "bis auf die Mauer natürlich". Das ganze Gegenteil vom jetzigen Berlin. "Ich liebe besonders das Chaotische an dieser Stadt, die unterschiedlichen Menschen. Berlin ist unheimlich lebendig. Ständig passiert etwas. Es ist stressiger als anderswo, aber es wird in Berlin garantiert nie langweilig."

Berlin, so führt Anja Hauptmann weiter an, habe immer eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt. "Schließlich war meine Mutter Berlinerin, sie lebte in Zehlendorf." Und in Berlin hatte ihr Großvater seine größten Erfolge. "Seine berühmtesten Stücke wurden in Berlin uraufgeführt." In Berlin haben auch die Verlage für die Hauptmann-Werke (Felix Bloch Erben und Ullstein-Verlag) ihren Sitz. Sein Erbe zu verwalten, "ist eine Pflicht, die ich sehr ernst nehme. Meine Aufgabe ist es, seine Werke lebendig zu halten".

"Ich liebe besonders das Chaotische an dieser Stadt"

Anja Hauptmann, Dichter-Enkelin