Film: Der Fall Chodorkowski

Vom Milliardär zum Märtyrer

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Ein Ex-Anwalt des Ölkonzerns Yukos bringt den Aufstieg und Fall seines ehemaligen Chefs Michail Chodorkowski auf den Punkt: "Er half das System zu errichten, dem er zum Opfer fiel."

Auch wenn Regisseur Cyril Tuschi in seinem Dokumentarfilm dem geläuterten Chodorkowski, der Korruption und Bildungsmangel bekämpft, viel Raum gibt und Wladimir Putin die Schurkenrolle zuweist: Tuschi macht kein Hehl aus Chodorkowskis fragwürdigen Geschäften in den 90er-Jahren, die ihn zum reichsten Russen werden ließen.

Nicht nur bei der dubiosen Ersteigerung des Ölunternehmens Yukos zum Spottpreis strickte Chodorkowski fleißig mit an jener Korruption, die bis heute in Russland Politik und Wirtschaft eng verknüpft. Tuschi zeichnet das faszinierende Bild eines hochintelligenten Oligarchen, der eben noch stellvertretender Sekretär der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol war und im nächsten Moment die Winkelzüge des Kapitalismus im Crash-Kurs lernte.

Wie kam es zu jener Wandlung, die Chodorkowski seit 1999 zum öffentlichen Moralisten werden ließ - und die wohl dazu führte, dass er seit 2003 im Gefängnis sitzt? Cyril Tuschis Film maßt sich nicht an, die Wahrheit zu kennen. War es bloß ein weiterer Schachzug Chodorkowskis, der "Transparenz als neues Geschäftsfeld" entdeckte? Oder ging es ihm darum, der verkrüppelten russischen Demokratie auf die Beine zu helfen? Sicher ist nur das vorläufige Ende: Obwohl Putin die Oligarchen davor gewarnt hat, sich in die Politik einzumischen, bedrängt Chodorkowski 2003 Putin öffentlich, endlich etwas gegen die Korruption zu tun. Kurz darauf wird er in seinem Privatjet verhaftet und später in zwei Prozessen wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung zu 14 Jahren Haft verurteilt. Dementsprechend schwer war es für Tuschi, ins Exil geflohene Geschäftspartner Chodorkowskis, seine Familie oder Politiker vor der Kamera zum Reden zu bringen. Über fünf Jahre erstreckten sich die Recherchen - was auch erklärt, warum die Dokumentation stilistisch nicht ganz aus einem Guss wirkt.

Am Ende bleibt aber ein Film voller höchst spannender Fragen. Das größte Fragezeichen setzt er hinter die Verfassung des Putin-Russland. Warum kehrte Chodorkowski 2003 von einer Auslandsreise zurück, obwohl er mit einer Festnahme rechnen musste? Gut möglich, dass er bewusst die Märtyrer-Rolle übernehmen wollte. Klar scheint nur, dass er dabei Putin bitter unterschätzt hat. Jetzt, wo Putin wieder nach dem Präsidentenamt greift, muss Chodorkowski sogar einen dritten Prozess befürchten.

Dokumentation: Deutschland 2011, 111 Min., von Cyril Tuschi

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