Ich bin ein Berliner

Angelika Czeromin-Abondo, Krankenschwester

Sie ist eine Frau, die viel zu geben hat. Die schmerzlich erfahren musste, dass man sich aber auch verausgaben kann. Die gelernt hat, dass man am besten geben kann, wenn man auch auf sich selbst hört. Auf das, was gut tut und was nicht.

Angelika Czeromin-Abondo, 58 Jahre alt, hat das gelernt, weil sie wieder Kraft schöpfen wollte für ihr Leben, das abgeschöpft war vor lauter Einsatz für andere. Für schwer kranke Patienten in der Gefäßchirurgie des Franziskus-Krankenhauses, für Menschen, deren Gliedmaßen durchs Rauchen dauerhaft Schaden genommen haben, Leidende, die sie 20 Jahre lang als Schwester betreut hat. Bis sie, wie so viele Frauen und Männer in Pflegeberufen, einfach nicht mehr konnte. Burnout nennt man das heute, ein Zustand völliger Erschöpfung, der als Krankheit behandelt wird, für den die meisten Verständnis haben. Damals, 2001, als sie nicht mehr als Krankenschwester arbeiten konnte, reagierten die Menschen in ihrer Umgebung erst einmal hilflos. Aber Angelika Czeromin-Abondo hatte schon damals gelernt, auf sich selbst zu hören. Dass sie intensiv beim Yoga die innere Ruhe sucht, das hat ihr dabei geholfen. Sie, die abends lieber meditiert als den Fernseher einzuschalten, hat erkannt, dass sie einen Gegenpol braucht und Kraft, die aus der Stille kommt - vor allem für die Arbeit, die heute ihren Alltag bestimmt.

Angelika Czeromin-Abondo arbeitet im Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V. in Lichtenrade, einer Einrichtung, in der Menschen mit Suchtproblemen lernen können, ein drogenfreies Leben zu führen. "Das ist so sinnvoll", sagt sie. Und dass es sie richtig glücklich macht. Vor allem mit den Kindern der Patienten, die mit ihren Eltern auf dem Tannenhof leben. Schwester Angelika muss Müttern - und Vätern - manchmal erst mal beibringen, wie man mit Kindern umgeht. "Eine Mutter hat ihr Kind erst im Tannenhof kennen gelernt" sagt sie. "Weil sie so lange im Gefängnis war." Kinder von Drogensüchtigen sind oft nicht nur sehr sensibel, sie sind auch anfällig für Infektionen. Schwester Angelika zeigt den Eltern, wie Fieber gemessen wird. Wie Krankheiten behandelt werden können. Sie zeigt ihnen, dass es nicht immer nötig ist, gleich ein Zäpfchen zu geben. Dass es manchmal auch ein Wadenwickel tut. Die Eltern nehmen ihre Hilfe an, sie wollen das Beste für ihre Kinder. Die meisten von ihnen hatten selbst keine schöne Kindheit.

Für Angelika Czeromin-Abondo sind es wunderbare Erfolgserlebnisse, wenn Menschen, die sich jahrelang betäubt haben, plötzlich erwachen. So wie der junge Mann, der ihr voller Stolz erzählt hat, dass er jetzt zur Schule geht und gar nicht wusste, wie schön das ist. Er würde plötzlich alles begreifen! Wie das denn früher war, wollte Schwester Angelika wissen. Da war er immer bekifft, sagte er. Angelika Czeromin-Abondo lacht, wenn sie die Geschichte erzählt. Nicht, weil sie sich lustig macht. Sie freut sich über jeden, der es schafft. Sie weiß, wie schwer das ist. 20 Prozent bekommen es irgendwann hin. Die anderen werden immer wieder rückfällig, machen sich nicht nur körperlich kaputt, sondern auch psychisch. Sie weiß das. Sie weiß aber auch, dass sie nicht zu weich sein darf. "Es herrscht auch ein Stück Reglement", sagt sie. Sie muss darauf achten, dass die Patienten pünktlich zum Essen kommen, dass sie ihre Therapie-Termine nicht verschlafen. Und sie muss kontrollieren, ob sie drogenfrei sind. Immer wieder werden sie spontan um Urinproben gebeten. Da erlebt sie, wie weh es tun kann, belogen zu werden. Schlimm war es, als drei junge Mütter, denen sie besonders nahe gekommen war, wieder Heroin genommen haben. Die Frauen verkündeten in den Gruppensitzungen stolz verkündet, dass sie clean seien. Tatsächlich hatten sie die Drogen sogar in den Teddybären der Kinder versteckt. Im Tannenhof konnten sie nicht bleiben. Sie kamen zur Entgiftung. "Als dann die Großeltern kamen, um die Kinder abzuholen, da waren wir alle fertig", sagt Angelika Czeromin-Abondo. Ist doch euer Leben, das ihr kaputt macht! Denkt sie manchmal. Sie würde trotzdem nie aufgeben. Wenn es nur eine Mutter, nur ein Vater ist, dem sie ein Stück weit geholfen hat, ein Leben ohne Drogen zu führen, dann hat es sich schon gelohnt.