Film: Cheyenne - This Must Be The Place

Land der unbegrenzten Absonderlichkeiten

Die Welt ist ein seltsamer Ort, voller skurriler Typen und bizarrer Landschaften, die wiederum von anderen genauso absonderlichen Menschen geschaffen wurden. David Lynch und Jim Jarmusch haben diesen Blick auf das menschliche Treiben, der jede Idee von Normalität ad absurdum führt, in ihren Arbeiten geradezu perfekt kultiviert.

Nun folgt auch der italienische Regisseur Paolo Sorrentino dem Weg dieser Meister der lakonischen Wunderlichkeiten. Sein Road-Movie "Cheyenne - This Must Be The Place", mit dem er Amerika als Land der unbegrenzten Absonderlichkeiten vermisst, ist seine ganz persönliche Hommage an Lynch und Jarmusch.

Sean Penn verkörpert Cheyenne. Einst war er ein großer Rock-Star, einer, der mit seinen düsteren, den Tod umgarnenden Songs die Herzen aller verlorenen Jugendlichen höher schlagen ließ. Doch dann nahmen zwei von ihnen Cheyennes Kunst der Todessehnsucht zu ernst, und er zog sich zurück in seine protzige Villa in einer Vorstadt Dublins. Aber die Vergangenheit holt irgendwann jeden ein. Nachdem er erfahren hat, dass sein Vater, mit dem er seit 30 Jahren kein Wort gewechselt hat, im Sterben liegt, bricht er in Richtung New York auf, kommt aber zu spät. Aber die tragische Geschichte seines Vaters ist noch höchst lebendig. Jahrzehntelang hatte er nach dem Mann gesucht, der ihn in einem Konzentrationslager erniedrigt und misshandelt hatte. Er wollte um jeden Preis Rache, und nun erfasst diese Sehnsucht seinen Sohn, der zu einer Reise quer durch die Vereinigten Staaten aufbricht.

Sean Penn spielt diesen Rockstar von der traurigen Gestalt nicht einfach, er versucht vielmehr, ganz in dieser Figur aufzugehen, hinter ihren Ticks und Manierismen zu verschwinden. Doch eine solche Selbstauslöschung kann letzten Endes kaum funktionieren. Daran ändern auch der rote Lippenstift, das Kajal-Schwarz um die Augen, die wüste Frisur, dieses in Unordnung geratene Vogelnest aus schwarz gefärbten Haaren, die langsamen, immer etwas hilflos wirkenden Bewegungen und die zum Falsett heraufgeschraubte Stimme nichts. In dem Bestreben, zu Cheyenne zu werden, verwandelt Penn seine Figur in ein bizarres Kunstprodukt, das gänzlich ohne Leben bleibt. Ähnlich ergeht es schließlich auch seinem Regisseur Paolo Sorrentino. Der hatte sich mit seinen italienischen Filmen, zuletzt dem brillanten Polit-Spektakel "Il Divo", schon als eigenwilliger Filmemacher etabliert. Doch nun wollte er sich auch als Musterschüler der amerikanischen Exzentriker profilieren und hat sich dabei selbst verloren.

Natürlich gelingt Sorrentino die eine oder andere grandiose Miniatur, etwa der quasi-dokumentarische Einschub eines ebenso seltsamen wie bombastischen Konzerts von David Byrne oder Cheyennes Begegnung mit einer alleinerziehenden Mutter in der tiefsten amerikanischen Provinz. Dennoch ersticken nahezu alle Episoden dieses immer weiter auseinanderfallenden Films in Sorrentinos erbarmungslosem Kunstwillen, der wahrhaft alles gleichmacht und damit ausbeutet: die Leiden eines Rockstars, die Macken der Menschen in der weiten Leere Amerikas und die Suche nach einem NS-Kriegsverbrecher.

Drama: F/I/IRL 2011, 118 Min., von Paolo Sorrentino, mit Sean Penn, Judd Hirsch, Kerry Condon

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