Film: Anonymus

Der Mann, der Shakespeare war

Oh, wie haben wir uns verwundert am Kopf gekratzt, als wir hörten, dass der nächste Roland-Emmerich-Film von Shakespeare handeln würde, und oh, wie haben wir alle gespottet, das könne nur ein Katastrophenfilm werden, Titel "Der Sturm", oder eine Filmkatastrophe. Und oh - wie haben wir uns alle geirrt.

In einem allerdings ist Emmerich sich treu geblieben, in der - nennen wir's - exzentrischen Interpretation wissenschaftlicher Theorien. Die globale Erwärmung in seinem "Day After Tomorrow" überzog New York mit Eis, und die Erdkrustenverschiebung zwang in "2012" die Menschheit zurück in Archen. Der Stein des Anstoßes in "Anonymus" ist nicht ganz so welterschütternd, verursacht aber heftige Wellen auf dem beschaulichen Teich der Shakespeare-Forschung: Die Stücke des Barden, so die Prämisse, stammen nicht von Shakespeare.

Die Shakespeare-Leugner verweisen darauf, dass über ihn kaum gesicherte Informationen vorliegen, und fragen, wie ein Angehöriger der Unterschicht ohne höhere Bildung zu einem Wortschatz von 29 000 Ausdrücken gelangen konnte. Die Stücke müssen von einem Anderen stammen. Es gibt auch einen Favoriten für diesen "Anderen", Edward de Vere, den 17. Earl of Oxford, der in Cambridge den Bachelor machte und in Oxford den Master, Frankreich, Deutschland und Italien bereiste, sich bei Turnieren an Königin Elisabeths Hof hervortat, gegen die Spanische Armada kämpfte, seine Freunde als Hochverräter anzeigte und von seinen Feinden geplanter Mordanschläge auf Höflinge Elisabeths bezichtigt wurde.

Das ursprüngliche Skript des Amerikaners John Orloff handelte noch stark von der literaturwissenschaftlichen Kontroverse über die Autorenschaft der Shakespeare-Stücke, doch Emmerich setzte Orloff auf eine andere, hochspekulative und hollywoodkompatiblere Spur: Kampf um die Macht, Intrigen, Sex und Inzest. Und so ist William Shakespeare lediglich eine Nebenfigur, versoffen, eitel, bedenkenlos, nur ein Bauer in einem größeren Spiel.

Das ist eine Zumutung für die Shakespeare-Puristen. Emmerich weigert sich konsequent, den Mantel der Verehrung des Heiligen William anzuziehen, an dem Literaturwissenschaft, Anglophilie und die Tourismusbehörde in Stratford-upon-Avon über Jahrhunderte gewebt haben - eine weise Selbstbeschränkung, denn Emmerich ist tief in seinem Herzen Bastler, nicht Philologe. "Anonymus" ist kein Nachfahre von Sir Laurence Olivier oder Sir John Gielgud, sondern von "Shakespeare in Love", "Elizabeth" oder gar von "Dallas", was das hemmungslose Intrigieren angeht.

Emmerich tut etwas Legitimes, und so stellt sich die Frage, wie er es tut. Dies ist das eigentlich Verblüffende. Wir hatten über 25 Jahre gelernt, uns leidend im Kinosessel zu verkriechen, wenn Emmerich seine Schauspieler agieren ließ, so hölzern waren sie. Doch nun sehen wir Vanessa Redgrave, und sie ist großartig als alternde Monarchin mit aufblitzender Lebenslust, und verfolgen Rhys Ifans als zur Intrige verdammte Künstlerseele Earl of Oxford. Es ist ein derart gut geführtes Ensemble, dass wohl bald ein Verschwörungstheoretiker vermuten wird, hinter Emmerich müsse ein anderer Regisseur stecken.

Emmerich hat einen hochkomplexen Plot, der auf vier verschiedenen Ebenen spielt. "Anonymus" ist jedoch zugleich ein grandioser Spezialeffektfilm. Es gibt ein elisabethanisches England, wie wir es noch nie im Kino gesehen haben, überwältigend vom kleinsten Detail bis ins größte London-Panorama. Der beste aller Emmerichs wird in Amerika in 250 Kinos herausgebracht, das ist weniger als ein Zehntel der Kopien, mit denen seine Katastrophenfilme an den Start gingen. Ein Zeichen der Unsicherheit des Verleihs, der "Anonymus" zwischen allen Zuschauererwartungen vermutet: zu wenig Explosionen für Blockbuster-Fans, zu wenig Sonette für Shakespeare-Verehrer und zu wenig Adelsromantik für die England-Fraktion. Fast ein Jahr lang lag der Film auf Eis, nun muss er hinaus ins feindliche Multiplex. Wie das auch immer ausgeht, es ist der Film, von dem Emmerich am Ende seiner Karriere sagen wird, dass er stolz auf ihn ist.

Historiendrama: GB/D 2011, 130 Min., von Roland Emmerich, mit Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Sebastian Armesto, Rafe Spall

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