Zwölf Stunden

Ausflug zu den Sternen

| Lesedauer: 7 Minuten
Daniel Schalz

Das Planetarium am Insulaner ist der Showroom des Universums. Schüler erfahren Atemberaubendes über ferne Galaxien und aufmerksame Anrufer melden nächtliche UFO-Flüge

07:15: Als Monika Staesche aus dem Haus tritt, geht ihr erster Blick nicht nach links oder rechts, sondern nach oben, zum Himmel. "So ist das bei allen Astronomen", sagt die 45-Jährige lachend. Die studierte Wissenschaftsjournalistin und Historikerin leitet das Berliner Planetarium in Schöneberg. An diesem Morgen registriert sie den abnehmenden Mond im Zenit, am Horizont den untergehenden Jupiter, außerdem aufgeklartes Wetter mit leichter Schleierbewölkung. Das bedeutet: Heute wird es sich lohnen, die Besucher auch zur Sternwarte auf dem Hügel oberhalb des Planetariums zu schicken.

08:00: Angela Seidig sorgt dafür, dass im Planetarium nicht nur die Sterne, sondern auch die Fußböden glänzen. Seit einem Jahr putzt die 60-Jährige hier jeden Morgen zwei Stunden, was vor allem ihren 15-jährigen Großneffen beeindruckt: "Der findet meinen Arbeitsplatz ziemlich spannend." Seidig wird vom gemeinnützigen Verein Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. beschäftigt, der 50 Prozent der laufenden Kosten von rund 600 000 Euro im Jahr erwirtschaften muss. Die andere Hälfte kommt vom Berliner Bildungssenator. Geräte und Gebäude werden aus Lottomitteln finanziert.

09:50: Im großen Saal haben Charlotte, Marlon und ihre Klassenkameraden aus der 6. Klasse der Wilmersdorfer Birger-Forell-Grundschule staunend den Kopf in den Nacken gelegt. Über ihnen funkeln Abermillionen Sterne. Genau genommen sind es 6500, die der Projektor aus der Mitte des Saales, der wie ein überdimensionaler Knochen aussieht, an die Kuppel wirft. Das Gerät ist zwar schon über 45 Jahre alt und damit das älteste in Deutschland, doch es kann trotzdem eine ganze Menge: Plötzlich erscheinen Bären, Schlangen, Schwäne, Adler und Dutzende anderer Tiere und Figuren in der Kuppel. Aufgeregt zeigt Marlon auf das Bild eines Wassermanns, das sich über die Himmelskörper legt: "Da, mein Sternzeichen!"

11:00: Quietschend und ratternd öffnet sich die Kuppel der 1953 errichteten Wilhelm-Foerster-Sternwarte auf dem Insulaner. Kai Schultze lenkt den 122 Jahre alten Bamberg-Refraktor, ein fünf Meter langes und 1,5 Tonnen schweres Teleskop, direkt auf die Sonne. Dann hält er einen kleinen Papierzettel vor die Linse - und der geht sofort in Flammen auf. "Oohhh", machen die Kinder. "Auf der Sonne herrschen Oberflächentemperaturen von rund 5500 Grad", erklärt Schultze, ein studierter Biologe. "Und durch diese Linse hier fällt 2000 Mal mehr Licht als durch unser Auge. Ihr könnt Euch also vorstellen, was mit unserem Auge passieren würde, wenn wir da durchgucken würden." Das kann nach diesem eindrucksvollen Experiment wirklich jeder.

12:15: Eben noch haben Stephan und Friederike im Planetarium etwas über Marssonden, die 61 Monde des Jupiters und die Ringe des Saturns gehört, zum Beispiel, dass diese aus Millionen von Eisklümpchen bestehen. Jetzt lassen die beiden Erstklässler von der Giesendorfer Grundschule in Steglitz fasziniert ihre Hände über eine Glaskugel wandern, in der blaue Lichtblitze zucken, immer genau da, wo die Finger das Glas berühren. Den Erklärungstext, nach dem in der Kugel ein Vakuum herrscht und es sich bei den Lichtblitzen um Gasentladungen handelt, beachten die Kinder gar nicht. Zu spannend ist das, was auf magische Weise unter ihren Handflächen passiert.

13:20: Belgin Uzan legt gerade wieder den Hörer auf und verdreht die Augen. Nicht das erste Mal an diesem Tag. "Bei uns rufen ziemlich viele Leute mit echt schrägen Fragen an", erzählt die gelernte Sozialarbeiterin. Vornehmlich organisiert sie Veranstaltungen für Schulen, aber die Ufo-Sichtungen und Fragen nach dem kurz bevorstehenden Weltuntergang kennt die 46-Jährige wie alle Mitarbeiter hier zur Genüge. Seit einigen Monaten etwa melde sich jeden Donnerstag eine ältere Dame, die am Tag zuvor immer astronomische Dokumentationen auf einem bestimmten Fernsehsender sieht. "Und dann fragt sie panisch danach, wann die Sonne erlischt oder ein bestimmter Meteorit einschlägt. Je nachdem, was das Thema der jeweiligen Sendung gewesen war." Da klingelt schon wieder das Telefon. Zum Glück rufen nicht nur Menschen mit Angst vor dem Weltuntergang an. Zwischen 80 000 und 90 000 Besucher zählen Planetarium und Sternwarte im Jahr. Daher gibt es bei den Gästen im Voraus eine Menge Informationsbedarf.

15:30: In der großen Kuppel stehen statt unzähliger Sterne ausnahmsweise unzählige Hammer am Himmel. Sie gehören zu einer 360-Grad-Multimedia-Show zur Musik Pink Floyds. Jetzt muss Jürgen Neye einige Einstellungen der Beamer justieren, die erst kürzlich installiert wurden. Die sogenannte Fulldome-Technik ermöglicht bewegte Projektionen auf die Kuppel. "Nach Wolfsburg und Bochum ist Berlin erst der dritte Stand-ort für dieses neue System", erklärt der 50-Jährige, der Mathematik, Physik sowie Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat.

16:00: Andreas Brzozka hat derweil keine Augen für den Himmel voller Hammer. Er hat selbst einen in der Hand. Der Haustechniker klopft an einigen Sitzen herum. "Es gibt immer etwas zu tun", sagt der 59-jährige Handwerker. "Wir haben allein 3000 Lichtpunkte in der gesamten Anlage, dazu die vielen Projektoren, die Heizungsanlage des Hauses, elektrische Verteiler und mehr." Dann wird er zur Sternwarte gerufen.

17:00: In der kleinen Bibliothek des Planetariums kann Wolfgang Meyer eine aufgeregte Anruferin beruhigen: Das helle Objekt am Nachthimmel ist kein Überwachungshubschrauber, sondern der Jupiter. Meyer muss es wissen: Der 63-Jährige ist seit fast 50 Jahren Vereinsmitglied und seit 20 Jahren fest angestellt. Er hat die Bibliothek mit 24 000 Titeln aufgebaut. Viele Schüler und Studenten kommen, um Einblick in Fachliteratur zu nehmen. Doch an diesem Nachmittag ist er allein. So hat er Zeit für besorgte Anrufer. "Die schwierigsten Fälle stellen die Damen aus der Buchhaltung zu mir durch", sagt er lächelnd.

17:45: Im großen Saal trifft Rolf Preuschmann, erster Vorsitzender des Vereins, die letzten Vorbereitungen für seinen offenen Astronomiekurs. Heute wird der 69-Jährige den Teilnehmern erklären, dass es beim Urknall gar nicht geknallt hat. Am späteren Abend folgt ein Vortrag über Mars- und Mondmeteorite. Erst danach kann auch Leiterin Monika Staesche, die jetzt den Saal inspiziert, Feierabend machen. Und egal, wie müde sie ist: Auf dem Heimweg wird ihr Blick ganz bestimmt zum Himmel gehen.

Planetarium/Sternwarte Munsterdamm 90, Steglitz, Tel. 79 00 93 0, wfs.be.schule.de , Eintritt 3/2 Euro. Die Wilhelm-Foerster-Sternwarte steht seit 1953 auf dem Trümmerberg. Ferne Gestirne betrachten die Besucher durch den "Bamberg-Refraktor". Dieser stammt aus der zerstörten Urania des Jahres 1888. Am Munsterdamm wurde 1965 das Zeiss-Planetarium errichtet.