Film: Die Höhle der vergessenen Träume

In der Höhle des Schönen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander

Jetzt bloß nicht atmen! Atmen ist tödlich. In der Lascaux-Höhle wollten sie nicht den Atem anhalten, die Massen von Touristen, die über Jahrzehnte vorbeigeschleust wurden an den - bis dato - ältesten bekannten Höhlenmalereien. Die Folge war: Schimmelpilzbefall.

Die ältesten Spuren menschlicher Kultur, vom Massentourismus angefressen. Die Höhle musste geschlossen werden, stattdessen baute man für Millionen eine originalgetreue Nachbildung.

Den Fehler wollte man bei der Höhle von Chauvet nicht wiederholen. Die wurde erst 1994 im französischen Ardèche-Tal entdeckt. Dort fand man auf 8000 Quadratmetern 470 Tier- und Symboldarstellungen, die so unbeschadet wirkten, dass man ihre Echtheit, ihr Alter zunächst anzweifelte. Dabei sind sie über 30 000 Jahre alt, also noch mal doppelt so alt wie die Bilder von Lascaux. Deshalb hat die französische Regierung die Höhle erst gar nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nur ein paar handverlesene Wissenschaftler dürfen hier rein, und auch die nur stundenweise und unter strengsten Auflagen. Wie aber das Weltinteresse befriedigen? Denn natürlich will man sich ein Bild machen von den ältesten Zeugnissen der Menschheit.

Das war die große Stunde von Werner Herzog. Der Mann ist ja der Fleisch gewordene Größenwahn im Kino. Er drang an die entlegensten Gegenden der Erde vor, um Bilder zu finden, die noch keiner gesehen hat. Er hat am Äquator, in der Arktis, im Urwald und in der Wüste, in den unwirtlichsten, unberührtesten Naturlandschaften gedreht. Unvergessen das Bild, wie in "Fitzcarraldo" der Titelheld, an Größenwahn Herzog durchaus ebenbürtig, einen Dampfer über einen Berg hieven lässt, um seine Visionen zu realisieren. Nur Herzog konnte in diese Höhle gelangen. Nur ihm konnte es gelingen, die entscheidenden Institutionen davon zu überzeugen. Ein Auserwählter, der nun stellvertretend für die Menschheit hinabsteigen darf, um uns ein Abbild davon zu schenken. Denn, das wusste schon Goethes Faust, "am farbigen Abglanz haben wir das Leben". In den Höhlenbildern haben wir das Kino ja schon vorweggenommen, vorausgeahnt. Haben unsere Ururahnen Bilder im Dunkeln festgehalten, die erst durch das Lichtspiel wahrzunehmen sind.

Herzogs Film ist ein Geschenk für die Menschheit. Die muss nun nicht in eine Ersatz-Höhle krabbeln wie in Lascaux. Und darf trotzdem weiter atmen. Die Schimmelpilzgefahr ist im Kino eher gering. Dennoch wird der Zuschauer den Atem anhalten. Denn Herzog hat sich, wie Wim Wenders bei seinem Tanzrausch "Pina", mit einer 3D-Kamera beladen. Schon der Weg zu der Höhle, einen steilen Weinhang entlang, lässt einen schwindelig werden. Erst recht, wenn der Filmemacher mit den Frühzeitkundlern durch die Höhle kriecht. Aber dann sehen wir diese Wandmalereien, buchstäblich zum Greifen nah. Und möchten unwillkürlich die Hand ausstrecken, um das Gestein zu berühren.

Herzog wäre nicht Herzog, würde er es bei der reinen Abbildung belassen. Er inszeniert die Bilder, lässt sie durch Hell-Dunkel-Kontraste lebendig werden, unterlegt sie mit sakralem Chor. Die ältesten Geheimnisse der Welt, die für immer vergessen schienen und durch puren Zufall wiederentdeckt wurden, werden so zu einem sakralen Akt stilisiert. Dabei rückt der Regietitan sich auch selbst in den Mittelpunkt. Herzog fachsimpelt mit den Wissenschaftlern, über und unter Tage, und scheint so, was nicht ohne Ironie ist, zuweilen nicht nur uns Zuschauer, sondern auch die Experten belehren zu wollen. Es kann nur einen Herrn der Höhle geben.

Am Ende muss man Werner Herzog dennoch einfach dankbar sein. Er hat uns nicht nur seltene Aufnahmen gemacht. Er hat uns an die Hand genommen und zu den frühesten überlieferten Kulturzeugnissen geführt. Dahin, wo einst die Seele des modernen Menschen erwacht ist. Nach diesem Film kommt man nicht einfach aus dem Kino heraus; man hat das Gefühl, selbst in der Höhle gewesen zu sein. Ein größeres Lob kann man Herzog wohl nicht aussprechen.

Dokumentarfilm F/D/USA/Kanada/Großbritannien 2010 , 90 Min., von Werner Herzog

++++-