Berliner Perlen

Im Paralleluniversum

Die "Morgenwelt" in der Markelstraße mutet an, als sei der Buch- und Spieleladen von Harry Potter inspiriert. Die drei Räume des Geschäfts mit seinen hellen Dielen, dem großen Maskottchendrachen "Gargoyle" am Eingang, den Decken- und Wandgemälden aus den Genres Fantasy und Science Fiction wirken wie eine Gegenwelt zur öden Jahreszeit.

Im Labyrinth der hohen Holzregale schlummert eine üppige Auswahl an Geschichten und Gestalten in Buch-, Spiel- und Figurformaten, die nicht selten an die Ausstattung einer Geisterbahn erinnern.

Chefin der "Morgenwelt" ist Britta Wolf. Vor sechs Jahren öffnete sie den Kunden eine Pforte zu Mittelerde, Hogwarts und all den anderen Fluchtorten vor dem Alltag. Den Namen "Morgenwelt" entlieh die 39-jährige Philologin einem SciFi-Klassiker des Briten John Brunner von 1968. "Ich kann meine Hobbys Lesen und Spielen hier zum Beruf machen", sagt die schlanke Frau in dunkler Kleidung hinter dem zugebauten Tresen und weist auf die Regale.

Schlachten nachstellen

Gleich links vom Eingang warten 566 Kampfgestalten in Daumengröße auf Bastler und Spieler. Die gruseligen Gestalten hören auf Namen wie Cygnar, Skorne, Trolle, Warbeast, Khador oder Cryx und sind den Phantasiewelten von J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe" oder George Lukas' "Star Wars" entsprungen. Die kleinen Guss-Monster werden erst aufwendig angemalt, um dann bei "Tabletops" gespielt zu werden. So nennt der Fan des analogen Gefechts eine besondere Form des Rollenspiels, bei dem nach sehr komplizierten Regeln Schlachten auf kleinen Landschaften nachgestellt werden. Was auf Laien wüst und brachial wirkt, sind gute alte Regelspiele, SciFi- oder Fantasy Formate von Monopoly bis Malefiz.

Dazu verwandelt Britta Wolf ihre "Morgenwelt" in eine Spielhöhle. Sie klappt eine Bodenluke auf und über enge Stufen geht es hinab ins Kellergewölbe. Verbrauchte Luft schlägt dem Besucher entgegen. Durch ein vergittertes Fenster fällt fahles Licht auf die Wände, deren Steintapete dem Raum Gruftatmosphäre verleiht. "Das ist unser 'Dungeon'", sagt Wolf schmunzelnd. In der Mitte des "Kerkers" versammeln sich unter der Regie eines Spielleiters bis zu neun Rollenspieler um einen ovalen Holztisch. An den hohen Stuhllehnen bringen viele die Wappen der Charaktere an, die sie an diesem Abend verkörpern. Manche identifizieren sich so stark mit den aufwendigen Szenarien, deren Regeln dicke Bücher füllen, dass sie verkleidet erscheinen. "Ein Einsteiger würde vielleicht einen wortkargen Zwerg spielen", sagt Britta Wolf und lacht. "Alles, was man braucht ist ein Stift, Papier und vielleicht ein Würfel." Oben im Laden gibt es davon 404 Versionen.

Der Spielekerker ist nicht nur ein Portal in andere Universen. Rollenspiele, die oben im Laden in gut 300 Varianten verkauft und von den Spielern über Stunden, Wochen und Monate fortgesponnen werden, sind der Ursprung aller PC-Games: "Das analoge Spiel bietet mehr als jenes im Internet. Man spielt in der Gruppe, sieht einander und entwickelt seinen Charakter in Aufgaben und Konflikten. Hier klappt keiner einfach den Laptopdeckel zu, wenn es ihm mal nicht passt", erklärt Wolf die Faszination.

"Banker kommen, Juristen und Professoren, Jugendliche, die 250 Seiten Anleitung wälzen", sagt Wolf über ihre Klientel.

Einer der Kunden ist Nils. Heute sucht er ein Einsteiger-Monsterspiel im Skatformat. Nils ist 42 Jahre alt und wirkt mit schwarzer Kluft, blassem Teint und Silberohrringen leicht "gothic". Nils ist Sozialarbeiter: "Ich suche etwas für eine WG, für junge Männer mit sozialer Anpassungsstörung." Gemeint sind Menschen mit großer Polizeiakte. Doch durch das disziplinierende Regelwerk des Rollenspiels angeleitet, dürfen sie beim Spielabend in der WG ganz ungestraft fies sein.

Andere Kunden suchen in der "Morgenwelt" eher Kontemplation und werden in der Bastelabteilung fündig. Einen Raum weiter gibt es Brettspiele von A wie "Affenalarm" bis Z wie "Zombies 8".

Kochen mit Chewbacca

Wer zur Entspannung nicht spielen, sonder einfach bloß lesen will, steuert einen dritten Raum voller Gegenwelten an. Auch der jüngst veröffentlichte Text aus dem Nachlass J.R.R. Tolkiens, "Die Legende von Sigurd und Gudrún", findet sich unter den 5558 Werken. "Ein Ort, um das Gefühl für Raum und Zeit zu verlieren", sagt Wolf.

Man glaubt es, wenn man zum "Star Wars"-Kochbuch greift und endlich die drängende Frage beantwortet findet, was den Sternenkrieger stärkt: "Wookiee Cookies" und "Yoda-Soda". Beides hat Hobby-Köchin Wolf noch nicht ausprobiert. Sonst kennen Britta Wolf und Mitarbeiter Patrick Haller, selbst Rollenspieler der ersten Stunde, die Szene in- und auswendig. Das beginnt mit Deko-Tipps zum Spieleabend: "Trockene Tomatenstengel können sehr mystisch wirken", sagt Wolf. Und endet bei den Neuigkeiten der Spielemessen. "Wir haben nicht alles durch- aber fast alles angespielt", sagt die Chefin, umgeben von Kisten der jüngsten Messe.

Warum Menschen sich in exotische und furchterregende Welten flüchten, kann Britta Wolf nicht beantworten. Aber die Germanistin weiß Schiller an ihrer Seite: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Morgenwelt Markelstr. 56, Steglitz, Tel. 797 09 646, morgenwelt.org ., Mo.-Sbd. 10-20 Uhr, Fr. bis 22 Uhr