Gourmetspitzen

Staackes Stück: zehn Jahre voller Überraschungen

Ein ungewöhnliches Restaurant, dessen Name nicht dem schönen Klang, aber der Situation gemäß seinen Sinn verloren hat. "Noi Quattro" heißt übersetzt "Wir Vier". Damit war der Freundeskreis gemeint, der die mediterrane Restaurant-Idee umgesetzt hatte, um in Berlin - ursprünglich am Strausberger Platz in Friedrichshain - den Genuss zu mehren.

Übrig geblieben ist davon nur einer: Andreas Staack. Allerdings blieb auch der ursprüngliche Name des Lokals. Ich muss sagen, er ist ausgefallen genug. Ich hätte ihn auch nicht verändert.

Aus der komplett offenen (und properen) Küche kamen durchweg appetitliche, leichte Gerichte, mediterran geprägt, zu fairen Preisen. Der Heilbutt überzeugte als frisches Produkt total. Das Fleisch zerfiel da in saftigen Schuppen, was das beste Zeichen für diesen Fisch ist. Aber in der Zubereitung war der Heilbutt leider völlig geschmacksneutral. Für mich schmeckte er so, als habe sich die Küche vorübergehend eine komplette Aroma-Sperre verordnet. Schade, schon ein wenig feine Säure wäre eine klare Verbesserung.

Damit habe ich aber alle Kritik bereits abgehandelt. Unter dem Strich ist das Restaurant mit der mediterranen Ausrichtung eine Empfehlung für einen unkomplizierten, zwanglosen Abend.

Die Karte ist übersichtlich und nicht überladen, dafür in den Gerichten attraktiv. Die Wahl mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis ist für mich das große Herbstmenü: Dazu gehören sechs Gänge plus Amuse Bouche für 79 Euro. Wer seine vier Lieblingsgerichte daraus selektiert, zahlt dafür dann 50 Euro. Das ist echt kundenfreundlich kalkuliert. Dafür bekommen die Gäste einen wahrlich guten kulinarischen Querschnitt durch die köstliche Herbstlandschaft in der Küche Andreas Staacks.

Mit gerösteten Jakobsmuscheln mit Schalotten, Zitrusfrüchten und Kürbiskern-Öl geht es los. Und Sie wissen ja, liebe Genießer, ich liebe Röstaromen. Das Schaumsüppchen mit einer Steinbuttpraline ist handwerklich ebenso gut angerichtet wie das Rinderfilet, das mit einer Gänselebercreme verfeinert und mit mariniertem Mangold kombiniert wird. Den dazwischen servierten konfierten Heilbutt mit Artischocke habe ich abgehakt. Käse und Dessert runden das Menü ab.

Übrigens kann auch jeder Gang einzeln bestellt werden. Da ist der Gastgeber sehr flexibel. Das gilt auch für das in diesen Tagen ebenfall ganz aktuelle Wild- und Wald-Menü mit einem Salat von aromatischem Rosenkohl zum marinierten Hasenrücken. Für mich war das nach drei Jahrzehnten Genuss-Tests noch eine überraschende Premiere.

Mein Freund Roland war begeistert von der Maronencreme mit Trüffel sowie Zweierlei vom Rehbock mit Holunderbeerjus parfümiert. Das Fleisch wurde in zwei Portionen auf den Teller gebracht, einmal kurz gebraten und einmal bei Niedrigtemperatur butterzart geschmort.

Unter dem Begriff "Unsere Klassiker" sind die Standards aufgelistet, die man freilich überall bekommt: Vitello Tonnato, wobei die Scheiben vom Kalbsrücken als appetitliche Röschen angerichtet sind. Natürlich gibt es auch Spaghetti, Kalbsbäckchen und Co. Erwähnenswert aus dieser Abteilung ist mir noch der Salat von dreierlei Linsen mit Minze, Pancetta und Schafskäse. Das ist ein köstliches kleines Gericht und noch so gesund dazu.

Der Service ist jung, freundlich, gewiss auch ein wenig unbedarft. Doch mir ist Herzlichkeit weit lieber als handwerklich perfektes, aber unpersönlich-kaltes Abhandeln. Die Weinkarte ist eine Reise um den Globus, wobei die großen Lagen fehlen, was in diesem Rahmen durchaus verständlich ist. Ich wählte einen der besten Chardonnays überhaupt, den "Löwengang" von Alois Lageder aus Südtirol. Der Wein ist mit 80 Euro allerdings nicht zimperlich kalkuliert.

Die Atmosphäre im Restaurant ist richtig gut. Dafür sorgt Andreas Staack, der Hausherr und zugleich Küchenkünstler. Es ist nicht Schicki-Micki angesagt, aber mit weißer Tischwäsche und gediegenem Wandschmuck wirkt das Ambiente kultiviert und zugleich funktionell. Was mich dann stets besonders freut, ist die Akzeptanz der Gäste. Das Restaurant, das von 12 bis 17 Uhr auch eine günstige Mittagskarte anbietet, was mir ganz als schön lang erscheint, war bei unserem Besuch ausgebucht. Darum empfehle ich, zu reservieren. Es lohnt sich. Kein Vergleich mehr, als das Ur-"Noi Quattro" noch in Kombination mit dem "NQ 14" dahindümpelte. Heute souverän alleingestellt, ist es eine echte Empfehlung.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Noi Quattro Südstern 14, Ecke Lilienthalstraße, Kreuzberg, Tel. 325 345 8,3

Kreditkarten werden akzeptiert