Berliner Philharmoniker in Singapur - Musical Journey in 3 D

Männer, die in Röhrchen blasen

Als Herbert von Karajan in den 70er-Jahren das Genre des "Berliner Philharmoniker-Konzert-Films" erfand, war er vorsichtig und streng.

Unter den Musikern wurden Perücken, anklebbare Koteletten und falsche Schnurrbärte verteilt, so erzählt man. Damit bei den Nahaufnahmen alle eine gute Figur machten. Für Kameramänner galt die Devise: "Halt' niemals auf den Fagottisten!" Er sieht nicht gut aus, während er spielt.

Karajan damals wusste, was er tat. Seine goldenen Regeln wurden von Michael Beyer bei seinem Film "Berliner Philharmoniker in Singapur - A Musical Journey in 3D" leichtsinnig wieder über Bord geworfen. Folglich sieht man 105 Minuten lang dem Solo-Oboisten Albrecht Mayer sehr genau dabei zu, wie er sein Röhrchen befeuchtet. Man bewundert die Maniküre von Stefan Dohr. Auch kann man sich der Beobachtung nicht erwehren, wie über Simon Rattles Bäuchlein die Weste spannt. Man ist, mit anderen Worten, näher dran als man das eigentlich möchte.

Nutzt es der Musik? Das in Singapur in 3D abgefilmte Konzert mit der Sinfonie Nr. 1 von Gustav Mahler und den Symphonischen Tänzen von Sergei Rachmaninoff wird weitgehend puristisch und beilagenlos serviert. Kaum ein Schwenk ins Publikum. Vom schönen Saal der "Esplanade Theatres on the Bay" direkt am Hafen von Singapur kriegt man wenig genug mit. Die multikulturellen Impressionen während des zweiten Teils erschöpfen sich in Markt- und Stadtgängen sowie in Besuchen bei Souvenir-Shops.

Mit Rachmaninoff hat das allzu wenig zu tun. Der 3 D-Effekt wirkt gleichfalls ziemlich verschenkt. Simon Rattle scheint bisweilen wie außerhalb der Leinwand zu stehen. Die Hörner ragen einem direkt ins Gesicht. Leider gewinnt auch die mit angehaltenem Atem dirigierte Mahler-Sinfonie auf diese Weise kein bisschen an Schwung. Es ist ein - für Philharmoniker-Verhältnisse - eher durchschnittliches Konzert, nur eben hochauflösend und in 3D.

Das hauptsächlich Filmische bleibt, dass in einigen Fällen die hübscheren Musiker ins Bild gesetzt wurden: Ex-Model Andreas Ottensamer statt Wenzel Fuchs; der junge Bratscher Amihai Grosz statt Konzertmeister Daniel Stabrawa. Auch die Schlagzeuger, sonst dankbares Film-Objekt, waren den Filmemachern anscheinend nicht gutaussehend genug. Reicht das? Wer die Berliner Philharmoniker in 3D erleben will - und dafür gibt es wahrlich allen guten Grund! -, dem raten wir zu einem Besuch in der Philharmonie.

Dokumentation Deutschland 2009, 105 Min., von Michael Beyer