Film: Die Haut, in der ich wohne

Stiche bis in Herz

Gäbe es psychiatrische Gutachten für Kinofilme, dann müsste "Die Haut, in der ich wohne" als pathologischer Fall eingestuft werden. Ein Schönheitschirurg züchtet im Laboratorium seiner Privatklinik eine feuerfeste Haut aus Genen von Menschen und Schweinen.

Im Keller hält er ein feenhaftes Wesen gefangen, dem er diesen Anzug aus lebenden Zellen auf den Leib geschneidert hat. Die Ehefrau des Arztes ist aus einem Krankenhausfenster gesprungen, als sie ihr bei einem Unfall verkohltes Gesicht im Spiegel sehen musste. Die Tochter nimmt sich in der Psychiatrie das Leben, weil sie ihren Vater mit dem Mann verwechselt, der sie auf einer Gartenparty zu vergewaltigen versuchte.

All das ist nur das Beiwerk einer Handlung, die aus den schrillsten Folterkammern der Einbildungskraft stammt. Es gibt also starke Anreize dafür, immer wieder die Hand vor die Leinwand zu halten und das Bild ins Unscharfe abzublenden. Und es gibt Augenblicke, in denen man sich fragt, warum man sich dieser Freakshow ausliefern soll für 120 Minuten, von denen die Hälfte auf Operationstischen aus Edelstahl spielt.

Der neue Almodóvar ist kein neurotisches Melodram in Bonbonfarben, sondern streckenweise eher ein Schocker wie "Hostel", in dem amerikanischen Touristen in Osteuropa die Achillessehnen durchtrennt werden. Doch wenn man in der Lage ist, den Abwehrreflex auszuhalten, den Schnitte ins Hautgewebe bei Menschen auslösen, die kein Medizinstudium absolviert haben, dann merkt man gegen Ende, dass man eben doch keinen Horrorfilm gesehen hat, sondern ein Märchen.

Es handelt von einem Mann, der sich in eine von ihm selbst erschaffene Puppe verliebt - und der dem Objekt seiner Schaffenskraft am Ende zum Opfer fallen muss. Diese Versöhnung mit dem abstoßenden Stoff liegt nicht nur an den wohlproportionierten Gesichtern von Antonio Banderas, der den Arzt spielt, und Elena Anaya, die das ätherische Geschöpf in seinem Keller darstellt. Sie ist auch das Ergebnis einer Filmkunst, die sogar über die größte Grausamkeit einen ästhetischen Filter legt und die Welt mit den liebevollen Handgriffen eines Schaufensterdekorateurs anordnet. Dabei nimmt der schräge Hang zur Ausstattung der Geschichte nichts von ihrer Verstörungsgewalt. Aber er lässt das Thema, die Haut als Metapher der Verletzbarkeit, nicht in seiner ganzen Nacktheit stehen.

Von Anfang an handelt der Film auch von jener zweiten Haut, die sich der Mensch als kulturelles Wesen schafft. Kleidung ist der Körper des Körpers: Der Satz könnte als Motto über diesem Film stehen, in dem ständig Textilien zerschnitten oder Kleider auf Bügel gehängt werden. Über die maßgeschneiderte Epidermis, die der Frankenstein-Doktor seinem Versuchsobjekt aufzwingt, schmiegt sich zunächst ein hautfarbener Ballettanzug - und am Ende ein Vintage-Sommerkleid von Dolce & Gabbana. Die Haut, in der wir wohnen, ist meistens eine zweite. Man könnte kulturwissenschaftliche Symposien abhalten über diesen Film.

Am Ende ist "Die Haut, in der ich wohne" eine Geschichte über das, was sich durch alle Zurichtungen und Operationen rettet und was durch jede Verkleidung hindurchscheint - nämlich die Schönheit der Seele, die Elena Anaya in ihrer scheuen und stolzen Art so stark verkörpert, dass man fast ihre Masken und Narben vergisst. Almodóvar erzählt die Fabel von Pygmalion neu, dem Künstler, der eine Elfenbeinstatue durch seine Zärtlichkeit zum Leben erweckte - nur, dass hier der Schöpfer die Schurkenrolle spielt und dafür seine poetisch gerechte Strafe kassiert. Und Almodóvar erzählt, dem exzentrischen Madonnenkult seiner frühen Filme immer noch treu, von den Müttern, die eine andere und letztlich stärkere Form der Urheberschaft in Anspruch nehmen. Am Ende kehrt das seltsame Wesen aus dem Labor in die Boutique ihrer Mutter zurück - und wird dort wiedererkannt, trotz seiner Verwandlung. Das ist eine Bibelstunde zum Motiv des verlorenen Sohns. Lange ist im Kino keine brutalere Erbauungsgeschichte erzählt worden.

Drama Spanien 2011, 120 Min., von Pedro Almodóvar, mit Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes