Bühnencheck

Richling schont niemanden

Bald vier Jahrzehnte ist Mathias Richling nun schon Kabarettist, beobachtet, analysiert und deutet Politik. Kein Wunder, dass er nicht nur die aktuelle Krise relativieren, sondern ihr auch Positives abgewinnen kann. Für den 57-jährigen Schwaben sind die 340 Milliarden, mit denen Griechenland in der Kreide steht, nachgerade lächerlich.

Allein die Rettung der Bankenholding Hypo Real Estate hätte uns Steuerzahler viel mehr gekostet. Warum also kaufen wir nicht einfach Griechenland? So billig bekommen wir nie wieder ein ganzes Land als Ferienhaus. Typisch Richling.

Mancher Politiker dürfte sich schwarz ärgern, weil er nicht selbst auf diese fulminante, ganz bürgernah klingende Milchmädchenrechnung gekommen ist. Für Richling ist es indes nur eine verbale Spielerei zum Auftakt seines von Günter Verdin inszenierten, frisch aktualisierten Programms "Der Richling Code", das er im Wühlmäuse-Theater präsentiert. Man würde den erfrischenden Stand-up-Gemeinheiten gern noch länger zuhören. Doch Richling besinnt sich recht schnell auf das eigentliche Konzept seines Programms: Möglichst viele Parodien in einen Abend zu quetschen. Auch die vorgestrigen, weil Richling den Helmut Kohl eben kann.

So trifft sich denn die bundesdeutsche Polit-Elite von früher und heute am Abendmahl-Tisch unter Aufsicht des Dreiknopf-Jacketts von Angela Merkel. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr ist Richling das Politikergeplänkel insgesamt um einiges straffer, bissiger und flotter gelungen. Die Charakteristika sind präziser und pointierter getroffen, etwa die beeindruckende Fähigkeit von Kanzleramtschef Ronald Pofalla zur Farblosigkeit. Manches aber ist so langatmig und obsolet, dass die Spannung zerbröselt wie trockener Zwieback. Etwa die Erkenntnisse von Wissenschaftsjournalist Joachim Bublath über die rückwärtsgewandte evolutionäre Entwicklung vom Menschen zur Spezies Politiker. Wissen wir doch längst.

Richtig Spaß dagegen machen bei diesem Richling-Programm die kurzen, knackigen Parodien, die etwa die Politiker-Hybris Gysis und Steinmeiers sekundenschnell bis in die letzte Selbstüberschätzung freilegen. Liebling des Abends aber ist Alt-Kanzler Helmut Schmidt, von Mathias Richling in großer Verehrung nur "Raucher" genannt. Unvergessslich an diesem Abend ist ein Satz, den Richling dem großen Hanseaten in den Mund legt: "Der Deutsche protestiert auf der Straße, weil ihm nicht genug gezahlt wird, um bei allem gegen seinen Willen mitzumachen."

Die Wühlmäuse Pommernallee 2-4, Charlottenburg, Tel. 30 67 30 11, bis zum 12. 11., Di.-Sbd. 20 Uhr