Mein perfekter Sonntag

Zwischen Spree und Flugfeld

Das ist Berlin, ständig im Wandel. Ein perfekter Sonntag fängt für Carmen Hofacker mit einem Frühstück im Café Cream an der Schlesischen Straße an - aber zwischen Verabredung und Treffen ist daraus bereits das Lokal 6 geworden. Besitzerwechsel. "Sieht noch fast genauso aus", stellt die 31-Jährige nach einem kurzen Rundblick fest.

Also zuerst - wie gewohnt - einen Kaffee bestellen. In die Schlesische Straße kommt die junge Musikerin regelmäßig, denn für sie "hat's hier angefangen mit Berlin". Seit 2003 lebt sie in der Hauptstadt und der Kreuzberger Wrangelkiez wurde schnell zu einem Lieblingstreffpunkt für sie und ihre beste Freundin. Sie liebt es, sich an diese Zeit zu erinnern, als Berlin für sie "so spannend" war; noch spannender als jetzt, wie sie findet.

Ein Vormittag auf der Insel

Sie drängelt mit ihrem Volkswagen T5 - Tourbus und Privatmobil in einem - auf die Schlesische Straße. "Im Berliner Stadtverkehr muss man fies sein", da macht sich die junge Frau nichts vor, hat aber auch kein Problem damit, denn nach eigener Aussage ist sie ein "Autofreak". Es geht geradewegs zur East Side Gallery an die Spree. "Ich steh' voll auf Wasser, so ist Berlin am schönsten" sagt Carmen Hofacker, während sie in der Spätsommersonne das Ufer entlang schlendert. Der Spaziergang unweit der Oberbaumbrücke ist der Auftakt für einen halben Tag am Wasser. Wir fahren sogleich weiter zur Insel der Jugend in Treptow . Der Inselgarten verzichtet auf Schickimicki-Tünche. Wer mag, fährt eine Runde mit frisch aufgemöbelten, historischen Tretbooten.

Noch wichtiger für ihren Wochenausklang ist das musikalische Angebot, denn Musik braucht Carmen Hofacker wie die Luft zum Atmen. "Lazy Sunday" ist das Motto der DJ's, die das Freiluftareal mit Tönen dekorieren. Und im Herbst stehen drinnen wieder Live-Bands auf der Bühne - Carmen Hofacker ist auf der Insel schon selbst aufgetreten. Sie mag das Flair der Veranstaltungen, zu denen man die ganze Familie mitbringen kann.

Schon als Kind hatte die quirlige Rockmusikerin nur einen Berufswunsch: Sängerin. Ihr Vater, der als musikalischer Alleinunterhalter auftritt, war sicher nicht ganz schuldlos daran. Mit 16 Jahren stand sie zum ersten Mal auf einer Bühne, damals noch als Frontfrau einer Truppe, die bekannte Hits nachspielte. Sobald das Abitur abgehakt war, widmetet sich Carmen Hofacker ausschließlich ihrer musikalischen Ausbildung, nahm Gesangsunterricht, schulte ihr Gehör und perfektionierte außerdem ihr Spiel auf dem Klavier und an der Gitarre. Schließlich ging Carmen Hofacker nach Berlin und gründete hier die Band Swim.

Seitdem ist sie regelmäßig auf Tour, entweder mit der ganzen Truppe oder in Duo-Besetzung. In welcher Formation sie auftritt, ist ihr dabei egal: "Spaß macht beides." Nur den Organisationsstress würde sie gern anderen überlassen. Bis sie reich und berühmt ist, muss Carmen Hofacker viele E-Mails allerdings noch selbst schreiben. Die Touren fressen einen Gutteil des eingespielten Geldes wieder auf, daher ist auch ein Brötchen-Job in Berlin unumgänglich. Und auch der hat - natürlich - mit Musik zu tun. Um besser über die Runden zu kommen unterrichtet Carmen Hofacker musikalische Früherziehung für Kleinkinder. Eine optimale Übung für die Bühne. "Kinder sind knallhart. Wenn Du schlecht bist, zeigen sie es Dir sofort", sagt die 31 Jahre alte Musikerin.

Joggen, Lesen, Bier trinken

Ein Sonntag im Inselgarten verfliegt schnell bei schönem Wetter, doch wir wollen noch weiter, steigen in den Kleinbus und fahren nach Neukölln. Im Kofferraum steht ein großer Sessel, Carmen Hofacker ist gerade umgezogen. Allerdings "nur von einem Zimmer ins andere", denn aus ihrer Dreizimmer-Wohnung hat sie eine WG gemacht. "Eigentlich bin ich gar nicht so der WG-Typ, aber hey, warum nicht mal was Neues?" Ja, warum eigentlich nicht? Das WG-Leben ist schließlich einfacher, wenn man quasi vor der eigenen Haustür so viel Auslauf hat wie wenige Großstadtbewohner sonst auf der Welt.

Zwei Ecken von Carmen Hofackers Wohnung entfernt betritt man das ehemalige Flugfeld in Tempelhof . "Ob zum Joggen, zum Lesen oder um ein Bier zu trinken - hier komme ich verdammt oft her." Carmen Hofacker liebt die riesige Freifläche. "Es ist ähnlich wie am Wasser, hier fühlt man sich gar nicht so sehr wie in einer Großstadt und trotzdem hat man all das Halligalli gleich nebenan", sagt sie. "Dass ich das beides haben kann, das ist für mich das Beste an Berlin."

Natürlich ist die Hauptstadt auch ein Ort, an dem Musiker sich gegen eine enorme Konkurrenz behaupten müssen. Nicht jeden Sonntag kann Carmen Hofacker daher die Beine in der Spree baumeln lassen. "Mit Freunden gehe ich gern raus, frühstücke ausgiebig. Aber ohne Verabredung schiebe ich mir nur ein schnelles Frühstück rein und setze mich an meine Songs." Die schreibt sie nämlich selbst und dafür braucht sie ihre Wohnung nicht zu verlassen. E-Piano, Keyboard und komplettes Aufnahme-Equipment stehen gleich gegenüber der Couch. Hat sie morgens eine gute Idee und abends ein viel versprechendes neues Demo auf der Festplatte - dann ist für die passionierte Sängerin auch ein arbeitsreicher Sonntag geradezu perfekt.

"Im Berliner Stadtverkehr muss man fies sein"

Carmen Hofacker, Sängerin

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