Film: Die Lincoln Verschwörung

Recht oder Rache

Der Bürgerkrieg war mit mehr als 600 000 Toten nicht nur die blutigste Auseinandersetzung, die die USA je führten, sondern er machte den Staatenbund von Siedlern erst zu dem Bundesstaat, der zur Weltmacht aufsteigen sollte. Der Krieg ist daher der Urmythos Amerikas und sein Messias der Präsident, der ihn siegreich führte: Abraham Lincoln.

Um diese Fallhöhe geht es in Robert Redfords Beitrag zum 150. Jahrestag des Kriegsausbruchs. "Die Lincoln Verschwörung" hat ein fürwahr messianisches Thema: die Ermordung Abraham Lincolns am 14. April 1865.

An jenem Apriltag schoss der Schauspieler John Wilkes Booth im Ford-Theatre von Washington dem vor kurzem erst wiedergewählten Präsidenten in den Kopf und entkam im anschließenden Chaos. Später wurde er gestellt und erschossen. Wie ein Dokumentarspiel in gefühlter Realzeit gleiten die ersten 45 Minuten dahin. Für den geschichtsbeflissenen Zuschauer aus Europa handelt es sich um ein interessantes Kostümstück, das mit eindrucksvollen Bildern aufwartet.

Dann folgt ein Justizkrimi. Unter den Angeklagten vor dem Militärtribunal befindet sich auch Mary Surratt (Robin Wright). Ihr gehört die Pension, in der Booth und seine Mitverschwörer sich in Washington trafen, unter ihnen auch Marys Sohn John. Da der aber fliehen konnte, trifft die Mutter der ganze Hass des aufgebrachten Nordens. Gegen seinen Willen übernimmt der Unions-Hauptmann Frederick Aiken (James McAvoy), ein Kriegsheld, die Verteidigung. Sein Gegner ist Kriegsminister Edwin Stanton (Kevin Kline), der mit einer schnellen Aburteilung der Verschwörer der Hysterie den Boden entziehen will, in den das kriegsversehrte Land nach der Ermordung Lincolns zu versinken droht.

Für den Europäer ist der Fall klar. Gegen alle Buchstaben von Verfassung und Gesetzen initiieren die nördlichen Sieger einen Schauprozess, in dem die Urteile von Anfang an feststehen. Bald dämmert wohl dem letzten Zuschauer, dass "Die Lincoln Verschwörung" nicht zu Unrecht auch zum zehnten Jahrestag von 9/11 in die Kinos kommt. "Verhindern Sie, dass unser heiliges Recht aus Rachsucht verwundet wird", dieser Appell Aikens an das Tribunal entspricht den Schlägen mit dem Holzhammer, mit dem dessen Vorsitzender regelmäßig die Einsprüche des Anwalts vom Tisch wischt.

Doch es lohnt sich, den Film mit den Augen eines Publikums zu sehen, dem die Geschichte so bekannt ist wie hierzulande der Name des Mannes, der 1944 eine Bombe neben Hitlers Schreibtisch deponierte. Dann wird deutlich, dass Robert Redford offenbar eine Tragödie nach antikem Muster vorschwebte. Wie die attischen Dichter nimmt er den Mythos, um ein tagesaktuelles Problem zu spiegeln. Das beginnt auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, auf dem Lincoln seine berühmte Rede über das Selbstbestimmungsrecht der Nation gehalten hat. Und das endet mit dem Hinweis, dass dem gefassten John Surratt später ein Zivilverfahren zuteil wird, in dem er freikommt.

Leider hat Robert Redford vergessen, dass die antiken Tragödien durch ihre Nuancen und Grautöne leben. Antigone oder Ödipus sind Verstrickte und keine unschuldigen Opfer auf dem Altar zynischer Interessen. Redford aber verliert kein Wort über die Ursachen des Krieges die Sklaverei, für deren Erhalt der Süden den ersten totalen Maschinenkrieg der Geschichte provozierte. Auch verlangt er von seinen amerikanischen Zuschauern zu vergessen, dass die katastrophale Befriedungspolitik von Lincolns Nachfolger Andrew Johnson in ein Amtsenthebungsverfahren mündete und die Südstaaten unter Militärverwaltung stellte.

Erst damit wurde der Ruin, in den der Krieg den Süden geführt hat, zu einem, der Generationen dauerte. Nicht wenige Historiker meinen, dass Lincoln vielleicht der einzige gewesen wäre, den Verlierern dieses Schicksal zu ersparen. Deswegen kommt seiner Ermordung durchaus messianische Größe zu. Redford macht daraus ein brachiales Lehrstück ohne Maß und Verstand. Amerikaner sehen das offenbar auch so. Der Flop der Films an den US-Kinokassen scheint das Angebot der Buchläden zu bestätigen.

Historiendrama: USA 2010, 120 Min., von Robert Redford, mit James McAvoy, Robin Wright, Justin Long, Kevin Kline

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