Theater: Der Spieler

Durchs Leben zocken

Der Autor soll nur gut drei Wochen darauf verwendet haben, um den am Ende für seine Verhältnisse überschaubar geratenen Roman aufs Papier zu werfen. Der Regisseur braucht fünf Stunden, die literarische Vorlage auf die Bühne zu wuchten.

Frank Castorf hat - nach "Dämonen", "Erniedrigte und Beleidigte", "Der Idiot" und "Schuld und Sühne" - ein weiteres Werk von Fjodor Dostojewski hinzugezogen, um seinen Theaterfantasien freien Lauf zu lassen.

Nun also "Der Spieler" , nun - im perfekt provisorisch anmutenden Bühnenbild von Bert Neumann - das Dasein als schier endloses Roulettespiel, in dem die Kugel nie zum Stillstand kommt. Rien ne va plus. Oder, wie es in grellem Neonlicht auf der Bühnenwand geschrieben steht: "Leben ist tödlich."

Das Leben ist aber auch lang, jedenfalls bei Castorf. Und das Spiel hat längst seinen Reiz der Unschuld und der Freiheit verloren.

Der Spieler ist zur Symbolfigur für die Auflösung des Einzelnen in immer rasanter sich ändernden gesellschaftlichen Zusammenhängen geworden. Der Spieler ist ein Getriebener, ein Rastloser, ein Verlierer. Alles auf eine Zahl gesetzt - und alles dahin. Der Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch (Alexander Scheer), die reiche Erbtante Babuschka (Sophie Rois), der zwielichtige Marquis des Grieux (Georg Friedrich) zocken sich durchs Leben und taumeln durch den im Abbruch sich befindenden Kapitalismus.

Alles ist im Delirium und in Ekstase. Der Reichtum lockt, doch das Glücksversprechen bleibt eine Fata Morgana. Dazu hat Sir Henry einen schönen Blues geschrieben. Willkommen im Castorf'schen Casino.

Theater: Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Tel. 240 65 777. Premiere am 30. Sept. um 19 Uhr