Film

Das Geld ist der neue Gott: "Der große Crash"

Kann ein Film die Fakten falsch darstellen und dennoch ein Meisterwerk sein? Klar. Denken Sie nur an William Shakespeares "Richard III.", das einen für die damalige Zeit nicht übermäßig blutrünstigen König ein für allemal als Monster abgestempelt hat. Barry Levinsons "Wag the Dog" stellte die Balkankriege als PR-Erfindung hin, die von Bill Clintons Sexualleben ablenken sollten.

Dennoch erfahren wir aus diesen Werken Wahrheiten über die Macht und ihre Kosten.

Bei J. C. Chandors Debütfilm "Der große Crash" ist es ähnlich. Im Kern sitzt er einer Verschwörungstheorie auf, der zufolge die Investmentbank Goldman Sachs in einer Nacht den Börsencrash vom Oktober 2008 auslöste. Das ist Quatsch. Und dennoch erzählt dieser Film in einer einzigen Einstellung mehr über die Korruption, die dem Crash zugrunde lag, als es viele tausend Seiten Zeitungspapier könnten.

Der Film erzählt eine simple Geschichte. In einer großen Investmentbank entdeckt ein kleiner Analyst, dass die Computermodelle, mit denen sie ihr Risikomanagement betreibt, nicht mehr stimmen. Sie besitzt so viele wertlose Papiere, dass sie jederzeit pleite gehen kann, wenn irgendein Großanleger sein Geld sehen will. Der Vorstand handelt nach dem Motto: Wer zuerst den Ausgang findet, überlebt. Die Trader werden am nächsten Morgen angewiesen, alle toxischen Papiere zu verkaufen. Dazu müssen sie die Käufer über deren Wert belügen. Es wird sie ihre Arbeitsplätze kosten und die Bank das Vertrauen ihrer Kunden. Wer sein Verkaufssoll erfüllt, wird mit Millionen abgefunden. Moralisch zu handeln ist keine Option. Und weil das so ist, entwickelt Chandors Kammerstück seine Spannung allein aus der Reaktion der verschiedenen Charaktere auf die Lage. Sie kommentieren das Unausweichliche, wie in einer griechischen Tragödie, nur dass hier nicht die Götter die Fäden ziehen, sondern die Märkte, die in Form der glühenden Computerschirme allgegenwärtig mit dem Untergang drohen.

Das ist die Stunde der Schauspieler. Da sind die Twentysomethings, zu jung, um die letzte Finanzkrise erlebt zu haben, und einfach überwältigt. Da sind die zynischen Mittdreißiger, ständig darum bemüht, ihre Contenance zu wahren. Da sind die alten Hasen, deren Biografien in einer Nacht entwertet werden (Kevin Spacey und Stanley Tucci). Da ist der CEO, der die Entscheidung treffen muss: herrlich chargierend Jeremy Irons, der Firmenchef John Tuld als eine Mischung aus Richard III. und einem britischen Schuldirektor gibt. Und da ist - die Sensation dieses Films - Paul Bettany als der bipolare, zwischen Selbstzerstörung und Übermut schillernde Abenteurer, der die Wahrheit über das Pilotenspiel ausspricht, das dem Crash vorausging: dass es von allen gewollt war, dass alle mitmachen wollten, von ganz unten bis ganz oben. Diesen vorzüglichen Akteuren zuzusehen und zuzuhören ist ein großes Vergnügen.

Die Krise entstand nicht über Nacht. Man konnte sie kommen sehen. "Der große Crash" erzählt nicht, wie es war, so wie ein Historiker das täte. Der Film sagt aber die Wahrheit: "Mit Moral hat das nichts zu tun." Eine einfache Tatsache, die oft vergessen wird.

Drama: USA 2011, 110 Min., von JC Chandor, mit Kevin Spacey, Stanley Tucci, Jeremy Irons, Paul Bettany, Demi Moore

++++-