Zwölf Stunden

Die Leinwand-Helden

| Lesedauer: 7 Minuten
Susanne Strätz

Projektoren starten, Säle putzen und zwischendurch ins Popcorn-Lager: Multiplexkinos sind exakt programmierte Vorführmaschinen. Binnen einer Woche zeigen die Mitarbeiter dort bis zu 52 Filme

09:00: Der Arbeitstag in einem Multiplexkino beginnt mit dem Aufdrehen von Wasser und Gashähnen. Nachdem alle Lichter an sind, richtet Alina Lehnert, Theaterleiter-Assistentin für Marketing, die Kassen her und teilt sie den Mitarbeitern zu.

10:00: Im Eingangsbereich liegen bunte Luftballons vom Kinderfest des Vortags. Irsad Memis arbeitet heute den dritten Tag im Cinemaxx. Er hat sich das weiße Poloshirt, die Uniform der Servicekräfte im Cinemaxx, übergestreift und schraubt gesäuberte Düsen an die Softdrink-Zapfhähne neben den Kassen. Anschließend füllt er die Pappbecher nach und schüttet Popcorn in den großen Behälter hinter der Kasse. Dann schließt die großen Glastüren zur Voxstraße am Potsdamer Platz auf. Theoretisch kann es jetzt losgehen, aber der erste Film beginnt erst um 12.45 Uhr. Bis dahin verkauft Irsad hauptsächlich Gutscheine.

11:30: Therese Spiegel brütet über dem Dienstplan. Rund 110 Mitarbeiter im Service muss sie koordinieren. Wer kann wann, wer hat Urlaub, wer will lieber tagsüber als abends arbeiten, gibt es einen wahrscheinlichen Publikumsrenner nächste Woche - und wie wird das Wetter? Alle Faktoren fließen in die große Dienstplan Datei.

12:00: Großbaustelle in Kino 3. Patrick Peters steht auf dem Gerüst in vier Metern Höhe und schraubt die alten roten Neonröhren aus ihrer Halterung. In drei Tagen sollen hier rote LED-Leuchtschnüre die alte Saalbeleuchtung ersetzen. Er muss sich beeilen, denn das Cinemaxx am Potsdamer Platz will sich auch in der nächsten Woche mit der größten Filmauswahl Deutschlands brüsten. Bis zu 52 Filme laufen hier in einer Woche.

13:00: Alina Lehnert sitzt wieder an ihrem Schreibtisch. Am 2. Oktober wird es einen "Phantom der Oper"-Abend geben. Vor der Live-Übertragung des Musicals im Kino soll noch ein passendes Programm stattfinden. Weiße Phantom-Masken für die Mitarbeiter am Einlass hat sie schon besorgt. Aber was könnte man mit den Zuschauern machen? Vielleicht ein Quiz oder eine Karaoke-Show?

13:30: Der Werbeblock in Kino 5 ist vorbei und im Vorführraum bei Jürgen Behla springt jetzt automatisch "Kung Fu Panda 2" an. Hier läuft alles digital. Filmvorführer Behla muss nur noch den Ton einstellen. Nicht so laut, denn es sind nicht viele Zuschauer im Saal.

14:00: Vor wenigen Minuten hat Thomas Ledderhose, Theaterleiter Assistent im Bereich Dispo, seine Schicht angetreten, schon gibt es das erste Problem. Die Kassen für Kino 7 sind ausgefallen. Es können keine Tickets mehr verkauft werden. Ausgerechnet Kino 7. Da läuft gleich "Männerherzen 2" mit Til Schweiger. Eilig ruft Ledderhose in der Hamburger Zentrale bei der IT an. Im Cinemaxx wird alles zentral gesteuert, die digitalen Plakatanzeigen ebenso wie die Kassen-Software.

14:30: Bei Teamleiter Mark Heeseler an der Kasse im Erdgeschoß bestellt eine Familie Karten für die "Drei Musketiere". Dazu Popcorn, vier Mal Cola und Gummibärchen. Die Kinder wollen vorn sitzen, die Eltern hinten. Es dauert, bis sich alle geeinigt haben.

14:45: Das Software-Problem der Kassen ist behoben, Thomas Ledderhose ist erleichtert. Er hätte sonst die Notfallkiste mit einer Rolle altertümlicher Kinotickets holen müssen.

15:00: Plattgetretenes Popcorn auf blauem Teppichboden, dazwischen Gummibärchen, Chips und Becher. Nach den Vorstellungen hat Fabian Sondermann viel zu tun. Er nimmt einen Müllsack und den "Dackel", den mechanischen Teppichkehrer. Von Reihe zu Reihe zieht der Student.

15:30: Klexxi, das blaue Cinemaxx-Maskottchen, ist müde. Eben ist er noch bei der Vorstellung von "Die Schlümpfe" aufgetreten. Alina Lehnert bringt ihn jetzt in sein Bett im Regal.

16:00: Im Keller überprüft Haustechnikleiter Uwe Rastig, ob der Tropfenabscheider der Klimaanlage von Kino 10 noch trocken und sauber ist. Die Anlage mit kilometerlangen Röhren, Filtern und Pumpen versorgt das Haus mit Frischluft: 19 Kinosäle und einen großen Eingangsbereich.

18:00: Ein Stockwerk tiefer hievt Ingo Hampe, Lagerist, einen Karton Cola-Konzentrat ins Regal und schließt die neue Packung an das Zapfsystem an. Ein Teil Konzentrat und fünf Teile Wasser plus Kohlensäure laufen oben an den Kassen wieder als Cola in die Becher.

18:15: Mitarbeiter Marten Klünder bringt das Plakat des jüngsten Woody Allen Films ins Archiv. Wenn der Streifen einmal wieder gezeigt wird, weiß Klünder, wo er das Poster findet.

18:30: 80 Säcke Popcorn hat Emanuel Ampofo heute produziert. 65 Säcke süßes Popcorn, 15 Säcke salziges. Sein Tagwerk ist enorm - und morgen Abend schon wieder dahin. Denn davon bleibt selten etwas übrig.

19:00: Geografie-Student Leonhard und sein Naturwissenschaften-Dozent Helmut Schaft von der Humboldt Uni legen Fragebögen aus und kleben Bleistifte darauf. Die Fragebögen sind eine Seminar-Übung der Studenten in ihrem Statistikkurs. Im Cinemaxx kann man die Qualität der Fragebögen gut testen. Denn dort sind immer viele Menschen.

19:30: An den Kassen bilden sich jetzt Schlangen. Die Acht-Uhr-Filme fangen gleich an. "What a Man", "Freunde mit gewissen Vorzügen". Eine Tüte Popcorn nach der anderen geht über den Tresen. Popcorn-Produzent Emanuel wird morgen wieder jede Menge zu tun haben.

20:00: Jürgen Behla spult eine Filmrolle mit Werbung um, so ist sie für den nächsten Film gleich wieder einsatzbereit. Dann läuft er in den nächsten Projektionsraum. Jeder der 19 Kinosäle hat einen eigenen Vorführraum mit eigenen Projektoren. Jeder der fünf Vorführer hat an einem Abend vier bis sechs Säle zu bespielen. In den Kernzeiten muss Behla auch mal von einem zum anderen Saal rennen, um es noch rechtzeitig zu schaffen. Aber das meiste geht vollautomatisch, da muss man nur noch überwachen.

21:00: Die Filmvorführer sitzen im Projektionsraum hinter Kino 7 und unterhalten sich. Von dort aus können sie auf 19 Bildschirmen verfolgen, ob die Filme laufen. Thomas Ledderhose ist in sein Büro gegangen. Er muss die Dispo der Filme überarbeiten: Die Elektriker in Kino 3 werden wohl nicht rechtzeitig fertig. Also muss er "Männerherzen 2" in einen kleineren Saal verlegen. Nicht so schlimm, der Film läuft sowieso nicht so gut. Feierabend hat Thomas heute gegen 2 Uhr. Dann wird er die Türen abschließen und alle Hähne wieder zudrehen.