Film: Eine offene Rechnung

Gefangen im Rachefeldzug

Seit sie 1966 Dieter Vogel, den gefürchteten "Chirurgen von Birkenau", in Ost-Berlin aufgespürt und getötet haben, gelten die drei Mossad-Agenten Rachel Singer, Stephan Gold und David Peretz in ihrer Heimat als Helden. Auch wenn es ihnen

damals nicht gelungen ist, den sadistischen Kriegsverbrecher nach Israel zu bringen, haben sie doch ihren Teil zum Mythos des israelischen Staates und seines Geheimdiensts beigetragen.

Aber dieser Mythos erweist sich in "Eine offene Rechnung", John Maddens Remake des israelischen Spielfilms "Der Preis der Vergeltung", bald als gigantische Lüge. 1997, in dem Jahr, in dem Rachels und Stephans Tochter Sarah ihr Buch über die Heldentat ihrer Eltern herausbringt, droht die Wahrheit doch noch ans Licht zu kommen.

Alles war perfekt vorbereitet, die Einreise der Agenten in die DDR genauso wie die erste Kontaktaufnahme mit Vogel (Jesper Christensen), der unter dem Namen Doktor Bernhardt als Gynäkologe praktiziert. Auch bei der Entführung des ehemaligen KZ-Arztes läuft alles wie geplant. Doch dann scheitert ihre Flucht in den Westen, und die drei Agenten müssen mit ihrem Gefangenen in ihre Ost-Berliner Wohnung zurückkehren.

Madden erzählt zwei miteinander verbundene, aber doch sehr unterschiedliche Geschichten. Die eine, die Mitte der 60er-Jahre im tristesten Ost-Berlin spielt und die Arbeit der drei Agenten rekonstruiert. Der Fokus liegt auf dem psychologischen Druck, dem die Geheimagenten ausgesetzt sind. Nach dem gescheiterten Versuch, die DDR zu verlassen, verwandelt sich "Eine offene Rechnung" in ein beklemmendes Porträt einer physischen und psychischen Extremsituation. Das Spionageszenario wird zu einem Kammerspiel, in dem der Druck immer weiter steigt, bis eine Explosion unvermeidlich ist. Danach bleibt dem Mossad-Team nur die Flucht in die Lüge.

Auf der zweiten Erzählebene greift John Madden zu weitaus drastischeren Mitteln. Madden orientiert sich in diesen Szenen, die zudem mit Helen Mirren, Tom Wilkinson und Ciarán Hinds viel prominenter besetzt sind als die Rückblenden, in denen Rachel, Stephan und David von Jessica Chastain, Marton Csokas und Sam Worthington gespielt werden, am Action-Kino unserer Tage. Die genauen Beobachtungen und die psychologische Tiefe der Ost-Berliner Szenen weichen einer simpleren und wenig glaubhaften Action-Dramaturgie. In Helen Mirrens Spiel spiegeln sich zwar der Wahnsinn und die Vergeblichkeit eines Racheakts, der 30 Jahre zu spät kommt. Aber ihre Bemühungen um psychologische Nuancen gehen unter im modischen Getöse eines ans Absurde grenzenden Finales, das einzig dem momentanen Zeitgeist verpflichtet ist.

Thriller: USA 2011, von John Madden, mit Helen Mirren, Sam Worthington, Tom Wilkinson, Jesper Christensen

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