Zwölf Stunden

Die Vorturner von Mitte

Das Varieté-Theater Chamäleon ist ein Ort zum Staunen. Wenn tollkühne Artisten durch die Lüfte wirbeln, braucht es Techniker und Organisatoren, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen

10:00: Theaterdirektor Hendrik Frobel bugsiert sein Fahrrad durch den Keller. 15 Minuten braucht der 30-Jährige aus Friedrichshain bis in die Hackeschen Höfe, ins Chamäleon Theater. Über die Requisiten, die sich hier stapeln, legt sich schon eine dünne Staubschicht. Eine Badewanne, Turnmatten, ein Plastikbaum. "Erinnerungen", sagt Frobel. Jeder Gegenstand erzählt die Geschichte einer Show. Jeder glänzte einmal auf der Bühne.

11:30: Die Bühne - das ist zunächst der Job von Andreas Schwalbe, der sich um das Bühnenbild kümmert. "Im Chamäleon Theater haben wir ständig wechselndes Programm", sagt Schwalbe. Noch vor zwei Tagen gab man "Caveman". An diesem Abend nun wird es akrobatisch: Die australischen Artisten "C!RCA" betreten das Parkett. Besser gesagt: Den gepolsterten Tanzboden, den Schwalbe gerade mit Klebeband verlegt.

12:00: Bunte Logos flimmern auf dem Monitor von Anke Politz. Die Geschäftsführerin der hauseigenen Produktionsfirma des Theaters sitzt in ihrem großen Büro im ersten Stock. Die 37-Jährige organisiert den Künstlern Wohnungen, koordiniert deren Aufenthalt, kümmert sich um Programme und Flyer. Eine Buddha-Figur, die sie respektlos Hugo nennt, steht neben ihrem Schreibtisch. "Wenn man ihm über den Bauch streicht, bringt das Glück", sagt Anke Politz. Hugo ist der Glücksbringer des Büros.

12:30: Der Tanzboden auf der Bühne ist verlegt. Zum Strahlen bringt ihn Thorsten, Hausmeister und Reinigungskraft. Doch zuvor sind die Tische und Stühle im Saal dran. Thorsten trägt ein T-Shirt, das die Silhouetten von Akrobaten und den Schriftzug des Theaters zeigt. An 66 Tischen stehen im Saal rund 300 Stühle. "Ich mach' die ganze Hütte sauber", kommentiert er. Es ist ein historischer Raum. Das Gebäude entstand 1906. Hier probte regelmäßig das Ballett vom Friedrichstadt-Palast. Im Jahr 2004 renovierten die neuen Betreiber den ehemaligen Ballsaal.

13:00: Teambesprechung. Sandra Giermann, Studentin Anne Kelling und Verkaufsleiterin Friederike Krause diskutieren den Tagesablauf. Wie kommen Verkaufsaktionen und Rabatte beim Kunden an? Wie viele Tickets der Show wurden vorbestellt? Das Verkaufsteam besteht aus vier festen Mitarbeitern. Insgesamt arbeiten 25 Festangestellte im Theater und rund 45 studentische Aushilfen. Es fällt immer genug Arbeit an. "Wenn alles zuviel wird", sagt Sandra Giermann, "dann schaue ich auf das Bild dort an der Wand.". Es ist ein kleines Aquarell, das eine holländische Windmühle und ein Tulpenfeld zeigt. Für fünf Minuten Traumzeit dürfen Blumen dann mal wichtiger sein als die Tickets.

15:00: Wenn Rudi Mineur auf der Bühne träumte, würde er damit Leben gefährden. Der 44-jährige Akrobat ist der Senior unter den sieben, durchschnittlich 20 Jahre alten, australischen Artisten von "C!RCA". Die Gefahr, sagt der Mann, dessen Arme variantenreich tätowiert sind, zwinge dazu, flexibel zu sein: "Vor drei Wochen ist einer von uns nach einem Sprung umgeknickt. Passiert das während der Show, muss blitzschnell umgeplant werden."

16:10: "Chamäleon Tickets", steht in Leuchtschrift vor den Kassenfenstern. Im Eingangsbereich der Hackeschen Höfe verkaufen Anne Kelling und Lena Lampe Karten für die Abendvorstellungen. Auch sie müssen blitzschnell planen. Ein Telefon klingelt, auf den Computerbildschirmen blitzen neue Nachrichten auf, durch die Boxen surren die Stimmen der Kunden, die sich am Schalter informieren oder eine Karte kaufen wollen. "Man muss auch eine Art Sozialpädagoge sein", sagt Kelling und rückt ihr Headset-Mikrofon zur Seite. "Zum Beispiel, wenn man Eltern erklärt, warum ein Stück erst für Zuschauer ab 14 Jahre ist und es in ihrem Ermessen liegt, ob sie mit dem Kind hineingehen." Die Spätschicht geht bis 21.30 Uhr, eine halbe Stunde vorher beginnt die Show.

17:30: Auf den Start bereiten sich nun die Akrobaten von "C!RCA" vor. Sie strecken sich auf dem schwarzen Tanzboden der Bühne, dehnen sich, springen durch Reifen, fliegen am Trapez durch die Luft.

18:00: "Großen Respekt" hat Sportstudentin Jana Steinland vor der Leistung der Artisten. Ihre Rolle heute: Servicekraft. Das heißt, Brezeln und Erdnüsse in Schalen zu füllen, kleine Käsewürfel auf Tellern zu drapieren. Eine Service-Kollegin verteilt bereits die roten Speisekarten auf den gewischten Tischen. Neben den silberfarbenen Tischschildchen stellt sie Kerzen auf. Die Uhr tickt: Um 20 Uhr ist Einlass. Und so langsam beginnt auch der Zuschauerraum zu glänzen.

19:30: Drei silberne Sterne hängen an der Tür, die in den Backstage-Bereich führt. Eine der Künstlerinnen, Alice Muntz, pudert sich noch ein wenig Rouge auf die Wangen. Die 19-Jährige ist das jüngste Mitglied der Truppe. "Das ist mein erstes Mal in Europa", sagt sie. Derweil trainiert Rudi Mineur mit Kollege Daniel Crispy auf der Bühne, zu der man vom Backstage-Bereich über eine kleine Treppe gelangt. Der schwere, rote Vorhang ist jetzt, kurz vor der Show, geschlossen. Es ist dunkel auf dieser Seite des Vorhangs. Noch.

19:50: Für das gleißende Scheinwerferlicht ist Patrick Kranz zuständig. Auch wenn er weit entfernt von der Bühne sitzt, in der sogenannten Technikloge, über den Köpfen der Zuschauer. Vor dem ausgebildeten Beleuchtungsmeister blinken die Lämpchen seines Schaltpults. "Jetzt geht es bald in die heiße Phase", sagt der 31-Jährige und stellt den Kaffee-Becher neben das Telefon. Jeweils zehn Minuten, fünf Minuten und eine Minute vor Showtime telefonieren die Künstler im Backstage-Bereich mit den Leuten von Service-Bereich und Lichttechnik. Bei jeder Etappe ist wichtig, dass die Organisatoren Bescheid wissen, ob bei den Artisten alles nach Plan läuft.

19:55: Letzte Besprechung von Anne Kelling und ihren Service-Kollegen im Foyer. Fünf Minuten später öffnen die Türen des Chamäleon.

20:55: Die heiße Phase. Patrick Kranz greift zum Hörer, um den Künstlern mitzuteilen: "Five minutes left". Noch ein Anruf, dann lässt er die Scheinwerfer leuchten.

21:00: Kranz öffnet mit einem Knopfdruck den Bühnenvorhang, Rudi Mineur und Alice Muntz schweben auf den Tanzboden hinab. Die Technikloge steuert noch mehr Licht bei, LED-Röhren leuchten im Hintergrund. Die Bühne verwandelt die Akrobaten zu Lichtgestalten. Sie schwingen am Trapez, lassen sich an Seilen hinuntergleiten, fliegen durch Hula-Hoop-Reifen. Einige der Requisiten werden später einen Platz im Keller bekommen, dort etwas Staub ansetzen - und irgendwann von der Geschichte dieses Auftritts erzählen.