Film

Faszinierend: "Über uns das All"

Ein Leben in scheinbar geregelten Bahnen: Martha (Sandra Hüller) arbeitet als Englischlehrerin und lebt glücklich mit ihrem Mann Paul (Felix Knopp) zusammen, der gerade sehr erfolgreich als Mediziner promoviert und schließlich ein Stellenangebot in Marseilles annimmt.

Sie will den Umzug regeln und ein paar Tage später nachkommen, ein gemeinsamer Neubeginn unter südfranzösischer Sonne, fast wie ein Traum.

Der platzt jäh, als kurz nach Pauls Abreise zwei Polizistinnen vor der Wohnungstür stehen und Martha erklären, dass sich ihr Mann auf einem Parkplatz in Frankreich selbst getötet hat. Ungläubig ruft sie ihn auf dem Handy an und bittet ihn auf der Mailbox um Rückruf.

Stück für Stück entpuppt sich sein ganzes Leben als eine einzige große Lüge, die Doktorarbeit als ein Plagiat, der vermeintliche Doktorvater kannte den lange schon Exmatrikulierten kaum.

Doch statt zu trauern und zu verarbeiten, dass die Liebe ihres Lebens reine Fiktion war, ersetzt Martha Paul wie selbstverständlich durch einen anderen, den Unidozenten Alexander (Georg Friedrich), der sie nicht nur durch die Art, wie er sich mit der Hand durch die Haare fährt, an Paul erinnert, sondern auch all das erfüllt, was der Verstorbene nur vorgab. Von ihrer Vergangenheit erzählt sie nichts und macht einfach weiter, mit all den Ritualen, als sei nichts gewesen.

Jan Schomburg erweist sich in seinem Regiedebüt als genauer Beobachter kleiner Momente und Gesten, er zeigt, statt zu erklären, bleibt bis zum Schluss ambivalent und verweigert sich in seiner mysteriösen Geschichte zwischen Thriller und Liebesdrama jeder Genreschublade. Ein irritierender wie faszinierender Glücksfall des deutschen Kinos, nicht zuletzt wegen seiner Hauptdarstellerin Sandra Hüller.

Nach dem Drama "Brownian Movement" vor einigen Wochen, ebenfalls ein Film über ein Doppelleben, in dem sie eine Ehefrau spielte, die sich heimlich mit Männern zum Sex traf, zeigt die Wahlberlinerin hier erneut, dass sie in der deutschen Film- und Theaterszene eine Ausnahmeerscheinung ist. Sie verkörpert diese so rätselhafte und unglaubliche Figur derart überzeugend, dass man in keiner Sekunde an ihrem Handeln zweifelt, sondern ihr bis zum Ende folgt.

Drama: D 2011, 88 Min., von Jan Schomburg, mit Sandra Hüller, Georg Friedrich, Felix Knopp, Kathrin Wehlisch

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