Mein perfekter Sonntag

Die Frau, die den Regen auslacht

Nein, diese Begegnung schien unter keinem guten Stern zu stehen. Wir sind mit der Berliner Schauspielerin Valerie Niehaus am Savignyplatz in Charlottenburg verabredet. Zuerst sieht das Wetter über der City West noch gut aus. Sogar die Sonne scheint. Doch als wir schließlich an dem Platz eintreffen, sind dunkle Wolken aufgezogen. Es beginnt zu regnen.

"Hat kein Zweck, zu dunkel", meint der Fotograf. Wir verlegen den Termin.

Derselbe Ort, wenige Tage später. Die Meteorologen haben Wolken, aber keinen Regen vorhergesagt. Doch als wir am Savignyplatz ankommen, beginnt es wieder zu regnen. Erneut aufgeben? Nein! Valerie Niehaus kann über den Regen nur lachen. Und empfiehlt den Weg ins Trockene: zur unter den S-Bahnbögen untergebrachten Autorenbuchhandlung "Fürst & Iven".

Auf Recherche in der Buchhandlung

Der Buchladen ist gut bestückt, gleich am Eingang liegen die Werke der Großen: Herta Müller, Ernest Hemingway, Günter Grass. Valerie Niehaus ist sozusagen Stammgast hier. Sie holt ein Buch über das Leben der Bildhauerin Renée Sintenis ab. Renée Sintenis gehörte zu den bekanntesten Künstlern im Berlin der 20er- und 30er-Jahre - als die Stadt Scharen die Boheme anzog, die sich im "Romanischen Café" am Zoo oder einem der zahlreichen Berliner Salons traf, um über neue Projekte, das Leben oder die Politik zu reden. Es war die Zeit, als für Künstler in Berlin fast alles möglich war - und alles bereits in Gefahr: Die Nazionalsozialisten waren im Kommen.

Valerie Niehaus will sich einlesen in diese Zeit, in das Lebensgefühl der Menschen von damals. Denn schon bald könnte sie Teil dieses "Damals" sein, in einem Film, der von einer Spionin in genau jener Zeit handelt. Die Charlottenburgerin soll eine alleinerziehende Mutter spielen. Mehr darf sie über das Projekt nicht erzählen. Schwer fallen dürfte ihr die Rolle nicht. Die 37-Jährige ist selbst alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Jungen. "Mich reizen die echten, authentischen Figuren", sagt die Schauspielerin, bevor sie sich von den Inhabern des Buchladens verabschiedet.

Es geht weiter zum Olympiastadion, einem ihrer Lieblingsorte. Valerie Niehaus ist vor allem dann gern dort, wenn im Stadion kein Betrieb ist. Wenn sie allein sein will und eine "freie Frau" ist - frei heißt, ohne die Verpflichtungen einer Mutter, weil der Sohn anderweitig untergebracht ist. Bei einer Nanny oder seinem Vater. An solchen Tagen schläft Valerie Niehaus gern mal lange aus, genießt die Unabhängigkeit von einem vorgegebenen Zeitplan. Über den Vater redet Valerie Niehaus nicht, auch nicht über ihren Sohn. "Das ist privat", sagt sie.

Mittlerweile sind wir am Olympischen Platz angekommen. Wenn das Stadion leer sei, erzeuge es eine besondere Stimmung, sagt sie noch. Bereits im Alter von 13 Jahren modelte Valerie Niehaus für eine Kosmetikfirma, mit 16 spielte sie erstmals im Fernsehen mit, in der mehrteiligen ARD-Bergarbeiter-Saga "Rote Erde". Wer so früh Erfolg hat, muss beschenkt sein. Sie war es wohl auch. Sie wohnte bei ihren Eltern in einer guten Gegend bei München. Rückblickend sieht aber auch sie sich nicht als einfaches Kind. "Ich bin damals viel ausgegangen, habe meinen Eltern, vor allem meinem Vater, eloquente Vorträge über Freiheit und das Ausbrechenwollen gehalten. Ich hatte da den Bogen einfach überspannt. Heute weiß ich die Großzügigkeit meiner Eltern besser zu würdigen."

Arbeiten bis es nicht mehr ging

Nach dem Abitur zog es Valerie Niehaus zum Fernsehen. Sie erhielt eine Hauptrolle in der populären ARD-Soap "Verbotene Liebe". Doch der Erfolg hat Schattenseiten. Fernsehen in Fließbandproduktion. Aufstehen, Set, Schlafen, Aufstehen, Set, Schlafen. Privatleben war nur noch eingeschränkt möglich. Valerie Niehaus ging kaum noch vor die Tür. Zu oft wurde sie von Fans angesprochen. Irgendwann wurde es ihr zuviel. "Sozialer Selbstmord" sei das gewesen, sagt sie. Valerie Niehaus zog damals die Konsequenz, schnitt sich die Haare ab, bis zur Glatze, und flüchtete nach New York, wo sie Schauspielunterricht am renommierten Lee-Strasberg-Institute nahm. Die Auszeit hat ihr nicht geschadet. Seither ist sie fürs Fernsehen regelmäßig gebucht, sie kann auswählen. Und schafft es immer wieder, ihren Figuren auch in leichtesten TV-Unterhaltungsfilmen Format zu verleihen.

Vom Olympiastadion zieht es sie weiter zum Teufelsberg. Auch so ein Berliner Ort, der ihr am Herzen liegt. Sie kommt dort öfter mit ihrem Sohn hin, genießt den Blick. "Diese Aussicht ist einfach großartig", sagt sie. Oft geht sie auch in den Tiergarten, wo sie gern im Café am Neuen See sitzt oder mit dem Boot über den See rudert. Doch der Nieselregen lässt keine Idee daran aufkommen. Wir gehen vom Café über die Fasanerieallee zum Großen Stern. Am Fuchsjagd-Denkmal stoppen wir. "Wollen Sie hier ein Foto machen?" Valerie Niehaus hängt sich kurz an das Denkmal - und lacht, wieder einmal.

Gern nutzt sie den Sonntag zum Museumsbesuch. Begeistert hat sie die Ausstellung mit Arbeiten des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai im Martin-Gropius-Bau. Valerie Niehaus hat selbst japanische Kunst in ihrer Wohnung, Bilder einer Geisha und zwei Flüsse. Hat sie auch berufliche Träume? "Ich würde gern in einem großen Kinofilm mitspielen." Das kommt, vielleicht schon bald.

"Ich war als Teenager sehr anstrengend"

Valerie Niehaus, Schauspielerin