Berlin genießen

Boulevard der Genießer

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Franz Michael Rohm

"Herr Ober, ick will wat Feinet", soll die wohl berühmteste Berlinerin gesagt haben, wenn sie ein Restaurant besuchte. Ob Marlene Dietrich vor ihrer Abreise in das selbst gewählte Exil in den USA im Kempinski gegessen hat, ist nicht verbürgt, darf aber beim guten Geschmack der Diva, die auch Deftiges nicht verschmähte, als sicher gelten.

Vier Jahre vor dem Welterfolg ihres Films "Der Blaue Engel" hatte Berthold Kempinski 1926 am Kurfürstendamm sein Restaurant mit Weinstube und Delikatessen-Geschäft eröffnet - an derselben Stelle, wo heute der 50er-Jahre-Bau des Kempinski Hotel Bristol mit dem legendären Kempinski-Grill steht. In Sichtweite davon könnte demnächst ein neuer Fixstern der Berliner Gastronomie aufleuchten. Denn im Restaurant des neuen Luxushotels Waldorf Astoria soll die Küche des französischen Drei-Sterne-Kochs Pierre Cagnaire Feinschmecker verzücken.

Der Wandel des Kurfürstendamms von einer Wohnstraße zu Berlins längster Einkaufs- und Amüsiermeile begann Ende des 19. Jahrhunderts. Wenige Jahre nach Inbetriebnahme der Dampfstraßenbahn 1886 vom Zoologischen Garten nach Halensee wird der Kudamm zur "janz feinen Jejend". Vom Wittenbergplatz bis Halensee reihen sich im neuen Westen fast nahtlos Gastronomie, Tanzsäle, Kinos, Kabaretts, Bars, Weinstuben, Bierhallen oder Cafés aneinander. Legendär war das Romanische Café am heutigen Breitscheidplatz gelegen, das 1916 im Hotel Kaiserhof eröffnet wurde. Zu den Keimzellen der Bohème-Kultur zählte das Café des Westens, das sich von 1898 bis 1915 an der Stelle des späteren Café Kranzler an der Ecke Kudamm/Joachimstaler Straße befand.

1906 entstanden in der Nähe des Kudamms die legendären Zoo-Terrassen von Lorenz Adlon mit 25 000 Sitzplätzen. Am Tauentzien und auf dem Boulevard gab es Ableger der berühmten Stehbierhallen von Aschinger. Zu den Höhepunkten des Amüsierbetriebs zählte Anfang der 30er-Jahre der Lunapark am S-Bahnhof Halensee, einer der größten Vergnügungsparks Europas. Mit Hitlers Machtergreifung war für viele Berliner der Spaß vorbei. Der folgende Weltenbrand legte die Stadt und den Kudamm in Schutt und Asche.

Schampus zur Currywurst

Nach dem Krieg isst man zu Wirtschaftswunder-Zeiten im Zigeunerkeller, im Haus Cumberland, bei Hardkte, Hühner-Hugo oder im Weißen Mohr. Feinschmecker gehen zu Aben oder ins Tusculum. Der dreistöckige Neubau des Kranzler verströmt Weltstadt-Flair, aber nur bis nach dem Mauerfall. Heute frönt hier die "Generation to go" schnellem Kaffee- und Kuchengenuss. Mitte der 80er-Jahre führten steigende Mieten zur Verdrängung vieler Einzelhändler und Gastronomen in die Seitenstraßen des Kudamms. Nur Fast-Food Filialen brachten genug Umsatz, um die hohen Mieten zahlen zu können. Das böse Wort vom "Bouletten-Boulevard" macht die Runde. Und heute?

"Der Kudamm gehört wieder zu den gastronomisch interessantesten Gegenden Berlins", erklärt die kulinarische Stadtführerin Martina Marx auf einem ihrer Rundgänge. Doch noch immer ist die Mehrzahl der Betriebe der schnellen Gastronomie zuzurechnen. Ikone der Imbiss-Kultur ist "Bier's". Täglich wird dort eine solide, halb aus Schwein, halb aus Rind bestehende Wurst mit Ketchup und Curry für 2,40 Euro serviert. Wer dekadent sein will, trinkt Schampus zur Currywurst.

Ein Urgestein der Berliner Gastronomieszene ist Walter Schuber, der einst das Edel-Imbiss-Restaurant "Tasty" am Kudamm 53 betrieb, das schon vor mehr als zwei Jahrzehnten zu den Top Ten der West-Berliner In-Lokale gehörte. Jetzt ist sein gastronomisches Ein und Alles die "Austeria Brasserie", die nach dem Umbau des ehemaligen "Bovril" 2005 als Spezialitätenrestaurant eröffnet hat.

Weiter Richtung Halensee hat seit 2006 Holger Zurbrüggen sein Gourmet-Restaurant "Balthazar" etabliert. Es war eine bewusste Entscheidung "für den Westteil der Stadt, als die meisten nur nach Mitte zogen", sagt der Spitzenkoch. Die Gäste schätzen Zurbrüggens kreative Küche, die mit asiatischen und mediterranen Akzenten fasziniert. In den vergangenen fünf Jahren hat sich nach seiner Ansicht am Kudamm kulinarisch vieles zum Besseren gewendet. Etwa durch die Kräuterküche von Danijel Kresovic im Restaurant 44. Erfreulich ist auch die Rückkehr von Küchenchef Jens Wegner an seinen alten Standort und die Eröffnung des ersten veganen Berliner Restaurants La Mano Verde im Hof der Kempinski Plaza.

Am Lehniner Platz befindet sich seit 15 Jahren das Ristorante "Francucci's". Dort gibt es hausgemachte Pasta und das größte Steak der Stadt, ein Bistecca Fiorentina vom toskanischen Chianina-Rind, ein gutes Kilo schwer. Vor mehr als 40 Jahren hatte Franco Francucci die Ur-Pizzeria "Ciao" an der Schaubühne eröffnet, in der auch Playboy Rolf Eden mit den Rolling Stones auftischen ließ. Weitere Vertreter der italienische Küche sind am George-Grosz-Platz das Ristorante "Paul" mit Pizzaweltmeister Mauro David und das "Il Calice" am Walter-Benjamin-Platz.

Erwähnenswert ist das Konzept des chinesischen Restaurants "Hot Spot". Betreiber-Ehepaar Wu hat sich intensiv mit deutschen Weinen auseinander gesetzt und serviert restsüße Riesling-Spätlese zu höllenscharfem Schweinebauch mit Chinakohl, Paprika und Möhren. Ein Stück weiter Richtung Halensee kann eine authentische brasilianische Churrasceria besucht werden. Im "Brasil Brasileiro" steht Grillfleisch vom Spieß im Mittelpunkt des Angebots. Wenn das Fleisch gar ist, wird es flink an die Tische gebracht und beim Gast aufgeschnitten.

Brandenburgs Meisterkoch im Eiffel

In Halensee erhebt sich ein weiterer kulinarischer Leuchtturm des oberen Kudamms, das "Eiffel" von Anjou Haufe. Preiswerte Mittaggerichte sind ab acht Euro zu haben. Abends muss mindestens das Doppelte gezahlt werden. In der Küche steht Brandenburgs Meisterkoch Dirk Güttes, der mit Kreationen wie Imperial-Wachtel mit Minz-Quinoa und Macadamia-Nüssen begeistert. Eine Institution französisch inspirierter Küche am unteren Kudamm ist mit seiner Einrichtung eine Erinnerung an die frühen Jahre des Boulevards: das "Diekmanns" an der Meinekestraße. Seit 25 Jahren setzt dort Gastronom Josef Diekmann frankophile kulinarische Akzente. Unprätentiös und geradeheraus gekocht genießt man in einer alten Kolonialwarenladen-Einrichtung aus der Gründerzeit ein einzigartiges Ambiente. Es gibt gebratene Blutwurst mit Radieschen-Kartoffelsalat. Das hätte wohl auch Marlene Dietrich geschmeckt.