Berliner Perlen

Jäger der verlorenen Schätze

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Als Felix Bachmann den 130 Jahre alten Kommoden-Sekretär zur Restaurierung in der Werkstatt aufstellt, fällt ihm dieses metallische Klappern auf. Er denkt, da ist vielleicht in einer der Schubladen des Möbelstücks etwas abgebrochen oder ein Scharnier nicht gut befestigt. Doch als er den großen braunen Sekretär vorsichtig auseinandernimmt, Schublade für Schublade herauszieht und nebeneinander aufbaut, entdeckt er viele kleine Münzen.

"2 Öre" steht darauf und "5 Öre". Das Geld ist nicht antik, es stammt aus dem Jahr 1948. Aber es verändert den Sekretär von einem antiken Möbel in einem Gegenstand, der über Jahrzehnte hinweg als Arbeitsmittel genutzt wurde, der in einer Familie weitergegeben wurden, bis er schließlich bei ihm landete. Bachmann genießt es, ein persönliches Verhältnis zu seinen Antiquitäten herzustellen.

Keine Generalprobe

Seit März hat der 30-Jährige seinen Laden an der Fidicinstraße. Er versucht dort all das umzusetzen, was er in seiner Ausbildung im West Dean College in Großbritannien und bei Praktika in New York und Padua gelernt hat. Das heißt nicht nur, dass er weiß, wie man mit antiken Möbeln umgeht. Bachmann versteht es, Arbeitsstunden zu berechnen, sie auf den Möbelpreis umzurechnen, er sucht gezielt Objekte aus, fährt auf die richtigen Messen. Auf gewisse Weise ist dieses Geschäft für ihn eine Premiere, ohne je eine Generalprobe gehabt zu haben. Es muss funktionieren. Deshalb hat er auch lange nach einem Geschäft gesucht. "Der Raum muss zu dem Thema passen", sagt er und meint, dass der Präsentationsraum selbst auch etwas Antikes ausstrahlen sollte.

Bevor Felix Bachmann einzog, war im hinteren Teil ein Gebetszentrum für Buddhisten und im vorderen Teil ein Zimmer für Heiltherapie. Heute erinnert ein Steinbrunnen in einer der Ecken an die spirituelle Stimmung, die dort gesucht wurde. Es ist ein großer bärtiger Männerkopf, aus dem Wasser sprudelt. Das wohl einzige Stück im Raum, das unverkäuflich ist.

Die Spiegel, Kommoden, Stühle, Tische, japanischen Wandteppiche, Lampen und Schalen sind restauriert oder haben zumindest eine Geschichte. Felix Bachmann erzählt sie, wenn er gefragt wird. "Ich habe keine Preisschilder an den Möbeln", sagt er, "weil dann die Leute nur stumm durch den Raum gehen und Schilder umdrehen." Das wolle er nicht.

Wer aber fragt, dem wird zu einer Kommode nicht nur erzählt, warum sie 1200 Euro kostet, sondern, dass auf der Unterseite ein Transportschild angebracht ist, auf dem der Name einer gewissen "Lady Kose" angegeben ist, dass er 40 Stunden an der Kommode gearbeitet hat, dass sie rund 230 Jahre alt ist, oder auch: dass er sie von einem ägyptischen Händler in Paris bekommen hat, der nach der Hausauflösung einer älteren Dame in Alexandria erhalten hat.

Holzbänke wie jene in einer Ecke des Raumes, sagt Bachmann, werden noch heute in Bauernhäusern genutzt. Er klappt den Deckel auf und sagt: "Hier ist Platz für die Stiefel." Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die lieber stumm Preisschilder umdrehen.

Die meisten seiner Stücke findet Felix Bachmann in Belgien, Frankreich oder Großbritannien. Er stößt auf sie im Internet und auf Auktionen. Er mietet sich ein Auto und fährt durch Europa, immer auf der Suche nach neuen Stücken. Sein Rahmen ist dabei zugleich eng und weit gesteckt. Er sagt: "Ich kaufe Sachen, die ich mir selbst auch in die Wohnung stellen würde." So kommt es, dass in seinem Laden ein 300 Jahre alter Spiegel neben einer Art-Deco-Lampe aus dem frühen 20. Jahrhundert und einem modernen Glastisch mit schweren Eisenrollen statt Tischbeinen steht. "Nur weil die Aufschrift ,Antik' am Eingang steht, muss nicht alles 200 Jahre alt sein. Aber es muss etwas ausstrahlen." Bei Möbeln sei das eben leicht, weil sie eine Geschichte haben.

Ein anderer Bereich seiner Arbeit ist die Restaurierung von antiken Privatmöbeln. Gerade hat er eine mit Elfenbein verzierte Kommode bekommen. Einige der Schnitzereien waren abgeplatzt, an anderen Stellen war das Holz gebrochen. "Massive Maßnahmen", sagt er, "wie Abbeizen oder Schleifen versuche ich zu vermeiden." Sollte er bei der Arbeit feststellen, dass frühere Restauratoren fehlerhaft gearbeitet haben, versucht er, das Stück der Epoche getreu wiederherzustellen. Er benutzt ein Wort, dass sonst eher auf die Pflege von Senioren angewandt wird: Er behandele die Möbel "altersgerecht". Vorindustrielle Oberflächen müssen eben mit vorindustriellen Substanzen behandelt werden, etwa Knochen- oder Fischleim. Außerdem benutzt er sehr selten Maschinen zur Bearbeitung.

Premiere im Laden

Anfang August gab es eine Premiere im Geschäft. Eine Lesung mit den Berliner Autoren Daniela Drösche und Rainer Merkel sollte in Bachmanns Laden stattfinden. Zwei Tage lang räumte er seine antiken Möbel, Spiegel und Lampen zur Seite oder wickelte sie in Plastikfolie. Rotweinringe auf antiken Möbeln gefallen nicht jedem Käufer. Er baute eine Bar auf und stellte Stühle bereit. Einfache Holzstühle, Plastikklappstühle, aber auch Originalsitze aus der Prager Straßenbahn. Grau, metallisch und doch bequem. Preisschilder hatte er nicht verteilt. Die Gäste sollten ruhig fragen.

Felix Bachmann Antiquitäten Fidicinstraße 27, Kreuzberg, Tel. 257 471 43, felixbachmann-antiquitaeten.de , Do., Fr. 13-20 Uhr, Sbd. 10-16 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung