Mein perfekter Sonntag

Die philharmonischen Schwestern

Glück hat viele Facetten. Manch einer findet es eher im Beruf, andere im Privaten. Wer Julia und Cornelia Gartemann trifft, hat das Gefühl, Menschen kennen zu lernen, die in beiden Bereichen Zufriedenheit erlangt haben. Die Westfälinnen haben für ihren beruflichen Erfolg hart gearbeitet. Aber vor allem halten sie zueinander.

Julia war als Ältere der beiden die erste, die es schaffte, eine der begehrten Stellen bei den Berliner Philharmonikern zu bekommen. Seit November 2000 spielt die 36-Jährige dort Bratsche. Aber mit diesem Instrument hatte sie nicht begonnen, sondern mit der Geige. Als Julia Gartemann jedoch die Bratsche der Mutter ausprobierte, war sie von ihr sofort begeistert. Seitdem ist die Geige für sie passé.

Geige oder Bratsche

Cornelia dagegen blieb bei der Violine. Mit Erfolg. Auch sie gewann das Vorspielen bei den Philharmonikern im Jahr 2004. Die 34-Jährige spielt dort auf der Position der Zweiten Geige. Für die Schwestern ging ein Traum in Erfüllung, nach dem Studium die erste Festanstellung gleich in solch einem Orchester zu erhalten. "Das ist schon etwas Besonderes", sagt Julia Gartemann.

Sie schiebt den Buggy mit ihrer 16 Monate alten Tochter Helene Richtung Monbijou-Park . Auch Cornelia hat eine Tochter, Hannah, sie ist 18 Monate alt. Ihre beiden Mädchen besuchen in der Kita die gleiche Gruppe. Während sie früher viel zusammen musizierten, haben sie heute in ihrer gemeinsamen Freizeit nun öfter die Kinder als die Instrumente dabei. Während des Musikstudiums war das anders. Da habe man "öfter abends vom Blatt" wild herunter gespielt, danach Wein getrunken und gut gegessen, erinnert sich Cornelia Gartemann.

Am Wochenende geht es raus ins Grüne. "Ich brauche das. Wir leben mitten in Mitte", sagt Cornelia Gartemann. Der tägliche Stadtlärm, dem die Kinder der Musikerinnen dort ausgesetzt sind, ist ein krasses Kontrastprogramm zu deren eigener Jugend. Sie seien "am Feld groß geworden", mit Wald drumherum. Julia Gartemann möchte, dass die Kinder "Käfer und Bäume" auch in der Stadt kennen lernen, dass sie "wissen, wie sich Gras anfühlt". Ihr Sonntagsausflug führt deshalb öfter in den Tiergarten oder zum Schlachtensee . Beide Ziele seien mit Bus und Bahn gut zu erreichen und ließen sich dann zu Fuß gut erkunden. Auch wenn Cornelia sich am Wochenende vor allem Ruhe und Grün um sich herum wünscht, braucht sie doch auch "den Trubel der Stadt, die Cafés, Theater und Kulturangebote". Den Traum, mal wieder einen Tag kinderlos zu sein, lang ausschlafen zu können und den Tag ganz nach eigenem Belieben einzuteilen, haben die Schwestern nicht. Aber auch wenn es am Sonntag kaum Termine gibt, sei es kaum möglich, sich treiben zu lassen. "Das geht ja mit Kind nicht." Und so liegen in Cornelia Gartemanns Familie am Wochenende auch die Essenszeiten fest, "alles andere kann man nach Gusto machen". Und da sieht jeder Sonntag ein bisschen anders aus.

Julia Gartemanns Schwester Cornelia setzt am Wochenende auf ein gemütliches Frühstück. Danach gelte es zu schauen, "was der Tag so bringt". Schön sei, wenn Bratsche und Violine am Sonntag nicht ausgepackt werden müssen. "Das ideale Wochenende ist, wenn man nicht nur nicht übt, sondern auch nicht üben muss", sagt Julia Gartemann. Wenn sie am Sonntag kein Konzert hat, isst sie gern mit ihrem Mann und Freunden. Die kleine Helene ist immer dabei. Am Morgen bruncht Julia Gartemann im Restaurant "Neu" in den Heckmann-Höfen an der Oranienburger Straße in Mitte . Pancakes mit Blaubeeren und Ahornsirup haben es ihr angetan, dazu trinkt sie frisch gepressten Orangensaft mit Ingwer-Aroma.

C/O oder Guggenheim

Wenn es regnet, bietet sich ein Besuch in der C/O-Galerie an, das in der Nähe ihrer Wohnung liegt. "Das machen wir einmal in vier Monaten", sagt Julia. Cornelia Gartemann schwärmt vom Guggenheim: "Die machen tolle Sachen." Manchmal müsse jedoch das Drumherum eines Museums, etwa ein schöner Park, für einen Spaziergang ausreichen. "Jetzt, wo Helene größer ist, findet sie es langweilig. Das ist einfach nichts mit Kindern", sagt Julia. Beide Schwestern lieben den Kolonnadengang an der Alten Nationalgalerie , der einen Blick auf die Spree und den Berliner Dom ermöglicht. "Da ist es immer so schön leer und ruhig", sagt Julia Gartemann.

Meist dauere es nicht lang, bis Helene im Kinderwagen einschlafe. Doch dort in den Schlaf zu finden, ist gar nicht leicht. Von der Brücke schallt der Sound von Straßenmusikern. Einmal gab es eine Percussions-Aufführung. "Ich wusste, wenn ich da lang gehe, wacht Helene auf." Also drehte Julia Gartemann mit dem Kinderwagen Runde um Runde am Neuen Museum, bis sie es wagte, das schlafende Baby über die Brücke zu schieben.

Die Schwestern Gartemann haben sich eingerichtet in Berlin, genießen die Stadt, sind mit Leib und Seele Philharmonikerinnen. Sie sind zufrieden. Besonders an Sonntagen.

Großer Auftritt Am kommenden Dienstag sind die Schwestern live zu erleben. Unter der Leitung von Riccardo Chailly spielen die Philharmoniker abends in der Waldbühne Stücke von Schostakowitsch, Rota und Respighi.

"Man sollte wissen, wie sich Gras anfühlt"

Julia Gartemann, Philharmonikerin