Film: Midnight in Paris

Schrille Nächte im Klischee

| Lesedauer: 5 Minuten

Woody Allen hat sein Stück "A Twentieth Memory" verfilmt

Aus irgendeinem Grund werde ich in Frankreich mehr geschätzt als zu Hause. Die Untertitel müssen verdammt gut sein. (Woody Allen)

In den sechziger Jahren schrieb Woody Allen ein kurzes Prosastück mit dem Titel "A Twenties Memory". Der Ich-Erzähler hat sein heimatliches Amerika verlassen und arbeitet in Frankreich "an einem, wie ich glaubte, bedeutenden Roman, aber die Buchstaben waren zu klein und so wurde ich nicht damit fertig". Bald darauf freundet sich der von Selbstzweifeln geplagte Autor mit Zelda und Francis Scott Fitzgerald an, die sich nur von Champagner ernähren, wird von Ernest Hemingway zum Boxen herausgefordert und verzögert, weil er Kaffee mit ihm trinken muss, den Beginn von Picassos Blauer Periode um zehn Minuten.

Als Alice Toklas den Erzähler fragt, ob er in Gertrude Stein verliebt sei, weil er ihr einen Band Gedichte gewidmet hat, die in Wahrheit von T.S. Eliot stammen, sagt er: "Ja, ich liebe sie, aber daraus kann nichts werden, weil sie viel zu intelligent für mich ist". Alice Toklas stimmt zu, "und dann zogen wir uns Boxhandschuhe an und Gertrude Stein brach mein Nasenbein".

Jetzt hat Woody Allen sein "Twenties Memory" verfilmt, es heißt nun "Midnight in Paris". Das prominente Stammpersonal ist geblieben, doch aus der Burleske ist eine romantische Komödie geworden. Hauptdarstellerin: Die "Stadt der Liebe". Jeder Paris-Film läuft Gefahr, Klischees zu bebildern. Woody Allen hat dieser Gefahr mit lustvoller Souveränität getrotzt, indem er nichts als Klischees verfilmt hat, ein Kaleidoskop aus Ansichtskarten, eine schöner als die andere. Umso größer ist das Vergnügen des Publikums, das zu sehen, was es schon einmal gesehen hat und mitzuerleben, was es immer selbst erleben wollte. Auch der Zeitsprung in andere Epochen kann daran nichts ändern, immer fühlt sich der Zuschauer bestätigt: Déjà vu als Lustprinzip. Auch darum ist "Midnight in Paris" auf bestem Wege, zum kommerziell erfolgreichsten aller Woody-Allen-Filme zu werden.

Auf Kosten der stinkreichen, mit der Tea Party sympathisierenden Schwiegereltern in spe verbringt der Hollywood-Drehbuchautor Gil (Owen Wilson) mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) Ferien in Paris. Wie sich bald herausstellt, verbindet das Paar wenig mehr als die Wertschätzung indischer Brotsorten. Gil sehnt sich danach, Schriftsteller zu werden und arbeitet an seinem ersten Roman, Inez bevorzugt Shoppen und Tanzen. Während sie sich auf die Rückkehr ins kalifornische Malibu freut, möchte Gil in Paris bleiben, das er von früher her kennt. Als Gil eines späten Abends in der Rue de la Montagne-Sainte-Geneviève spazieren geht, hält ein Oldtimer am Straßenrand und entführt den hoffnungsvollen Autor an den Schauplatz seiner Sehnsucht: das Paris der "Roaring Twenties".

Gil lernt die Fitzgeralds kennen, hört Cole Porter zu, wird vom rauflustigen Ernest Hemingway über Mut und männliche Prosa belehrt und ist außer sich vor Freude, als Gertrude Stein sich bereit erklärt, seinen Roman zu lesen. Wenig später trifft Gil die Modezeichnerin Adriana (Marion Cotillard) - gelernt hat sie bei Coco Chanel. Regelmäßig bricht Gil nun zur Geisterstunde in die Zwanziger Jahre auf und verliebt sich zu Edith Piafs Chanson "La Vie en Rose" in Adriana. Gil ist bereit, für immer in den Golden Twenties zu leben, doch Adriana sehnt sich nach der Belle Epoque und entführt Gil ins Moulin Rouge vor der Jahrhundertwende. Gil muss sich entscheiden, in welcher Gegenwart er leben will.

Die Stadt Paris ist die Hauptdarstellerin in Woody Allens Film und macht ihre Sache gut, bei Sonne wie im Regen. Owen Wilson ist ein liebenswerter, leicht tumber kalifornischer Parsifal auf der Suche nach dem literarischen Gral. Marion Cotillard als Adriana erinnert uns in jeder Szene daran, dass sie einmal Edith Piaf war, dafür einen Oscar erhielt und für immer Edith Piaf bleiben wird. Carla Bruni ist Carla Bruni. Kathy Bates ist eine imposante Gertrude Stein. Zwischen den Zeiten und Epochen zu wechseln ist eine Chance, die sich das Medium Film von Anfang an nicht hat entgehen lassen. Woody Allen ist darin ein Meister.

Komödie: USA/Spanien 2011, 100 Min., von Woody Allen, mit Owen Wilson, Rachel McAdams, Kathy Bates, Kurt Fuller

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