Mein perfekter Sonntag

Ruhe über den Dächern der Stadt

Meist schleicht sich der Sonntag ganz unauffällig an Chris Bekker heran. Sonnabends gegen Mitternacht, wenn viele Berliner bereits tief und fest schlafen, beginnt die Nacht für die Clubgänger. Nur selten treten Discjockeys vor morgens um ein Uhr auf.

"Wenn mein Set erst gegen vier Uhr morgens oder noch später beginnt, versuche ich ein wenig vorzuschlafen. In solchen Nächten liege ich um Mitternacht noch im Bett", sagt er. Als international gefragter Discjockey arbeitet Chris Bekker beinahe an jedem Wochenende. In diesem Sommer hat er bereits auf Bali, in Australien, in London und Rom aufgelegt. Mindestens einmal im Monat tritt er im Weekend-Club am Alexanderplatz auf. Meist dauert sein Set drei Stunden, einen Teil der Musik hat er selbst komponiert und produziert. Rundum gelungen ist ein Sonntagmorgen für ihn, wenn er nach seinem Auftritt von der Terrasse des Weekend-Clubs aus den Sonnenaufgang betrachten kann: "In warmen Sommernächten ist es hier fast genau so voll, wie auf der Tanzfläche. Der Ausblick ist etwas ganz Besonderes."

Erster Auftritt im Jahr 2005

Jahrzehntelang deutete nichts daraufhin, dass Musik der Mittelpunkt von Chris Bekkers Leben sein würde. "Musik als Unterrichtsfach habe ich gleich nach der zehnten Klasse abgewählt", erzählt er. Nach dem Abitur studierte er zunächst Betriebswirtschaftslehre und begann eine Management-Karriere. "Ende der Neunziger war ich häufig in Clubs unterwegs und entdeckte plötzlich, wie sehr elektronische Musik mich fasziniert", erinnert er sich. "Während die anderen tanzten, stand ich immer bei den DJs, beobachtete sie bei ihrer Arbeit und notierte mir die Titel von einigen Songs, die sie spielten." Irgendwann kaufte er sich sein erstes professionelles DJ-Equipment bestehend aus Mischpult, Verstärker und CD-Spielern mit Geschwindigkeitsreglern. Seinen ersten Auftritt hatte er 2005 und bereits ein Jahr später tauschte Chris Bekker seine gut bezahlte Stelle als leitender Angestellter in der Automobilbranche gegen eine unsichere Zukunft als DJ und Musikproduzent. "Ich werde sehr oft gefragt, ob dieser Entschluss nicht ziemlich mutig war", sagt er. "Wahrscheinlich war das wirklich mutig, aber die Musik war einfach meine Herzenssache. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht, was wäre, wenn es schief geht." Der Mut hat sich nicht nur finanziell gelohnt. "Als DJ versuche ich jedes Mal, ein perfektes Set hinzubekommen. Wenn die Leute tanzen und sich gut fühlen und jemand sogar ein paar Tränen in den Augen hat - das sind für mich Momente, die man nicht mit Geld bezahlen kann."

Egal wie euphorisch und bewegend die Clubnacht auch war, nach jedem Auftritt beginnt für Chris Bekker das, was er als sein "Antagonisten-Leben" bezeichnet. Der griechische Begriff bezeichnet das genaue Gegenteil zu einer Sache oder einem Zustand. "Von dem lauten Gewummer im Club muss man erst einmal runterkommen", meint der DJ. Ihm gelingt das am Besten in dem kleinen Café Backhaus Krümel in der Nähe der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg. "Sonntagmorgens gegen sieben oder acht Uhr werden dort die Auslagen gefüllt und die Tische aufgebaut. Das ist eine Stimmung, die ich sehr mag", erzählt er. Ein Milchkaffee und einen Croissant genießt er dann und schaut zu, wie die Stadt langsam erwacht. Manchmal besucht er auch noch den Gottesdienst in der Gethsemanekirche : "Ich bin zwar kein regelmäßiger Kirchgänger, aber ich fühle mich dort einfach wohl. Die Musik, die Menschen, und die Vibes, die von ihnen ausgehen, sind völlig anders als das, was ich in den Clubs erlebe. Das finde ich immer wieder überwältigend." Danach ist es 11 Uhr. Prenzlauer Berg wird jetzt bevölkert von Berlinern und Touristen, die zum Brunch oder zum Frühstück gehen. Chris Bekker aber legt sich schlafen.

Frühstück am Nachmittag

Sein Frühstück nimmt der Discjockey in den Nachmittagsstunden ein. Bei Sonnenschein zieht es ihn auf das Dach des Soho-House Berlin in Mitte . Mittelpunkt des Außenbereichs ist ein Pool, von dem aus man den Blick weit über Berlin schweifen lassen kann. Die Mitglieder des Privatclubs sind Kreative, die in den Bereichen Mode, Film, Musik oder Kunst arbeiten. "Im Sommer bin ich mindestens drei Mal pro Woche hier", sagt Chris Bekker, "Ich komme auch sehr gerne zum Arbeiten hierher." Seine Arbeit ist in diesem Fall die Musikproduktion "klang ID", die Sound-Logos, Erkennungsmelodien für Unternehmen, Telefon-Warteschleifen und Merchandising-CDs entwickelt. Bleibt abends noch Zeit, dann fährt er gerne mit seinem Tourenrad durch den Volkspark Friedrichshain : "Wenn ich ins Grüne will, dann eigentlich immer hierhin. Hier sind kaum Touristen und mein Café Schoenbrunn hat zufällig immer genau das auf der Karte, auf das ich gerade Lust habe."

Den Sonntagabend lässt Chris Bekker gerne ruhig ausklingen. "Ich bin beruflich so viel unterwegs, dass ich mich freue, wenn ich abends zuhause bin", sagt der DJ, der zwar alleine lebt, aber mit allen seinen Nachbarn im Haus befreundet ist. "Viele Kinder erzählen, dass sie als Erwachsene mit all ihren besten Freunden unter einem Dach leben möchten. Bei mir hat das wirklich geklappt."

Abends grillt er gerne mit seinen Nachbarn und Freunden auf der gemeinsamen Dachterrasse. "Es muss nichts Aufregendes sein: Steaks, Putenschnitzel, Grillgemüse und Salat. Beim Thema Essen bin ich sehr entspannt und unkompliziert", sagt er. Dazu ein trockener Sauvignon Blanc - und ein letzter Blick von der Terrasse über die Stadt.

"Die Atmosphäre in einer Kirche finde ich immer wieder überwältigend"

Chris Bekker, Discjockey