Zwölf Stunden

Der Zentral-Park

In den Tiergarten kommen Berliner, um durchzuatmen. Touristen bestaunen Sehenswürdigkeiten, Verliebte rudern auf dem Neuen See. Wer genau zuhört und hinschaut, erfährt viel über die Stadt

06:30: Jürgen Götte betritt sein Büro und fährt den Computer hoch. Das Straßen- und Grünflächenamt Mitte liegt nur einen Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt und dennoch mitten im Grünen. Es ist das einzige Bürogebäude des Tiergartens. Während der Inspektionsleiter E-Mails mit Anträgen und Fragen von Bürgern durchliest, erreichen ihn die ersten Meldungen aus den Pflegerevieren. In stürmischen Nächten stürzen Bäume um und versperren die Fußwege, in warmen Nächten werden Teile des Tiergartens zur Partymeile. Dann häuft sich dort der Müll. "Die meisten Probleme gibt es morgens. Nachmittags ist dann alles wieder schön", sagt Götte.

07:15: Unter einer Zypresse, zwischen kniehohen Pflanzen, steht Kerstin Hilgert-Schanowski und entfernt Ableger des Kreuzkrauts. Die unauffällige Staude hat die Neigung, sich schnell auszubreiten. "Es gibt Sommer, die sind so heiß und trocken, da kommen wir kaum zur Staudenpflege. Dann sind wir nur damit beschäftigt die Pflanzen zu wässern", sagt die Gärtnerin. Der Sommer 2011 dagegen ist zu feucht. Den Brennnesseln, die Kerstin Hilgert-Schanowski aus der Erde reißt, kann schlechtes Wetter nichts anhaben. Die wachsen immer.

09:45: Günter Netzband öffnet den "Imbiss 17. Juni" am S-Bahnhof Tiergarten. Nachdem er seine Klappschilder aufgestellt und die Sonnenschirme aufgespannt hat, legt er die ersten Bouletten auf den Grill. "Die Arbeiter, die das Ernst-Reuter-Haus ausbauen, fangen früh an. Die haben jetzt schon richtig Hunger", sagt der Imbissbuden-Besitzer, der seit 39 Jahren sein Geschäft betreibt. Vor 16 Jahren musste er wegen Bauarbeiten von der Entlastungsstraße in die Straße des 17. Juni ziehen. "Der Tiergarten ist in letzter Zeit schöner geworden", sagt Netzband. Am besten gefallen ihm die vielen neuen, planen Wege, in denen sich keine Pfützen mehr bilden können.

10:20: Inspektionsleiter Jürgen Götte steigt auf sein Fahrrad und fährt in Richtung Rosengarten. Unterwegs überprüft er, wie die Erneuerung der Wege voranschreitet. "Sie dürfen Ihren Hund ruhig an die Leine nehmen", ruft er einem Hundebesitzer zu, dessen Labrador ein paar Meter entfernt einen Baum beschnüffelt. Im Tiergarten herrscht Leinenzwang. "Unter den Vögeln gibt es viele, die bodennah brüten. Die werden durch freilaufende Hunde gestört. Die Leute verstehen nicht, dass wir hier ein Ökosystem haben", sagt Götte. Wenige Minuten später betritt er den sonnigen Rosengarten. Rosen sind dort kaum zu sehen, doch Purpur-Sonnenhüte und andere Stauden blühen prachtvoll. "Gerade morgens, wenn noch ein paar Tautropfen glitzern, ist das ein wunderschöner Ort", sagt der Inspektionsleiter.

11:10: Der Trennschneider in Sven Horgas Händen klingt ähnlich wie ein Zahnarzt-Bohrer, nur gefühlte hundert Mal lauter. Der Polier zerteilt mit dem Auszubildenden Jamie Brühlke Kantsteine für den neuen zweispurigen Radweg an der Siegessäule. Auch der schmale Fußgängerüberweg in der Hofjägerallee wird von den Straßenbauleuten und ihren Kollegen verbreitert. "Ein neuer Radweg macht hier auf jeden Fall Sinn", sagt Horgas. "Unglaublich, wie viele Leute hier jeden Tag mit dem Rad vorbei fahren."

13:15: Philipp Sebastian fischt mit einer Harke Algen aus dem Venusbassin, während sein Chef Reiner Fuchs eine Art Wasser-Rechen baut, der das Verfahren beschleunigen soll. "Spinat sammeln" nennt der Inhaber einer Reinickendorfer Gartenbaufirma die Teichreinigung. "Ziemlich zähes Zeug, diese Fadenalgen", sagt Philipp Sebastian und klaubt grüne Stränge von der Harke. Unangenehm sei die Arbeit nicht, versichert er: "Mir macht das Spaß und außerdem weiß ich, was passiert, wenn wir die Algen nicht herausholen. Dann entziehen sie dem Wasser den Sauerstoff und die Fische sterben im Winter."

14:20: Jeroen Vrolijk verlässt mit seiner Frau Priscilla und Tochter Alicia das Café am Neuen See. Die Biertische sind voll besetzt. Businessleute schlingen schnell ihr Lunch herunter. "Ich war vorher schon zwei Male in Berlin. Jetzt wollte ich der Familie diesen wunderschönen Ort zeigen", sagt der Tourist aus Amsterdam. Ganz unbeschwert verlief der Café-Besuch nicht, denn Priscilla Vrolijk wurde von einer Wespe gestochen. Zudem ist Alicia sehr müde geworden. Mit dem Rad machen sich die Drei auf den Weg zurück nach Friedrichshain.

15:05: Der Neue See füllt sich mit Ruderbooten. Auf den Kähnen mit größeren Gruppen wird gejohlt und gelacht, auf dem Boot von Linda und Jann geht es dagegen ruhig zu. Linda hat ihre roten Pumps ausgezogen, während ihr Freund das Ruderboot sicher über das Wasser steuert. Fahren die beiden regelmäßig Boot? "Im Schnitt alle vier Jahre", meint Jann und schmunzelt. "Es passt halt selten alles zusammen: Dass man frei hat, dass das Wetter gut ist und dass man gerade in der Nähe des Tiergartens ist."

15:50: Eine Touristin hat sich verirrt und fragt die Imbissbesucher in der Straße des 17. Juni nach dem Weg zum "Café Einstein". Dort habe sie eine Verabredung. Die Befragten erklären ihr sehr freundlich und einfühlsam, dass sie bis zu ihrem Ziel mindestens 45 Minuten Fußweg einplanen muss. Die Touristin geht zum S-Bahnhof zurück, um die Anreise ein wenig zu beschleunigen. "Sie glauben gar nicht, was die Leute hier alles fragen", kommentiert Imbissbuden-Besitzer Günter Netzband das Geschehen. "Am Besten sind diejenigen, die mich ganz enttäuscht fragen, warum man so wenige Tiere im Tiergarten sieht. Die haben den Tiergarten mit dem Tierpark verwechselt."

17:00: Der "Schleusenkrug" ist bereits gut gefüllt, innerhalb der nächsten halben Stunde wird es noch deutlich voller werden. Viele Gäste kommen im Sommer spontan nach Feierabend vorbei. An regnerischen Tagen ist der Ansturm besonders groß. Dominik Ries, einer der Inhaber des Biergartens, fegt noch ein paar Papiere vor dem Eingang zusammen. Der feuchte Sommer bereitet ihm bisher kaum Kopfzerbrechen. "Immerhin hatten wir ein sehr schönes Frühjahr", sagt der Gastronom. "Am Jahresende sind die Umsätze unter dem Strich immer sehr ähnlich. Das glaubt einem aber keiner"

18:20: Die Grillplätze nahe der John-Foster-Dulles-Allee, auf denen es bei Sonnenschein turbulent zugeht, sind recht leer. Nicht viele Rauchwölkchen steigen auf. "Es ist schön, dass es heute so ruhig ist", sagt Zoras, der an der FU promoviert und mit seinen Gästen aus Griechenland ein Grill-Picknick macht. "Ramadan!", erklärt einer der Griller nebenan die ungewöhnliche Ruhe. Während des Fastenmonats dürfen Muslime erst nach Sonnenuntergang essen. "Aber nach neun Uhr hat doch niemand mehr Lust, noch den Grill aufzubauen. Deshalb bleiben wir heute ziemlich allein." Und Inspektionsleiter Götte wird am nächsten Morgen vermutlich weniger Sauberkeits-Probleme mit seinem Zentral Park haben als nach anderen lauen Abenden.