Zwölf Stunden

Sweet home Berlin

Zuckerwatte, Biker, tanzende Cowboys: Mit großer Leidenschaft und viel Einsatz richten Aussteller und Entertainer ihr deutsch-amerikanisches Volksfest aus, das längst ein Berliner Klassiker ist

12:00: Die Rollläden der rund 90 Buden auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest sind noch geschlossen. Die Sonne brennt heiß auf den Beton des neuen Geländes des Freundschaftsfests an der Heidestraße 20 in Moabit. Es ist ruhig. Nur am Autoskooter wird fleißig gewerkelt. Enrico Hofmann und Mike Starke haben eines der Boxautos auf die Seite gelegt. "Gestern Abend ist der Kontakt kaputtgegangen", sagt Enrico Hofmann, während er mit einer Zange an einer metallenen Spirale dreht. Das kleine Fahrzeug kann keinen Strom mehr aufnehmen. Nachdem die Spirale aber sitzt, läuft es wieder. Mit 110 Volt kann der Autoskooter bis zu 25 Kilometer pro Stunde schnell werden.

13:25: Die Wespen fühlen sich wohl im Knusperhaus. Zu Hunderten umfliegen sie die duftenden gebrannten Mandeln und kandierten Äpfel des Süßwarenstandes. "Dieses Jahr ist es besonders schlimm", sagt die Verkäuferin Ingrid Szypulowksi. Mit wilden Bewegungen versucht sie, die lästigen Insekten zu vertreiben. Glücklicherweise ist sie nicht allergisch gegen deren Stiche. Schließlich muss sie bis heute Nacht im Knusperhaus Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und andere Köstlichkeiten an die Besucher verkaufen.

13:50: Am Eingang zum neuen Volksfestgelände, bisher fand es jährlich an der Clayallee statt, öffnet Jennifer Davis die Kasse. Zwei Euro kostet der Eintritt, ermäßigt einen Euro. Kinder unter 14 Jahren dürfen kostenlos auf das Gelände. Die ersten Besucher warten schon vor den Bauzäunen auf Einlass. Sie können es offenbar kaum erwarten. "Ganz egal wann ich aufmache, es stehen hier immer schon Leute", sagt Jennifer Davis.

14:30: Die Achterbahn ist zu laut. Fährt einer der Vier-Personen-Wagen eine Abfahrt herunter, dröhnen die Reifen auf den metallenen Schienen. Das Umweltamt, das die Lautstärke der Kirmes regelmäßig überprüft, hat den Ton bereits bemängelt. Der Veranstaltungsleiter Richard Simmons steht deshalb vor der sogenannten Rock'-n'-Roll-Achterbahn und misst, ob sich die Lautstärke verringert hat, nachdem der Achterbahn-Betreiber Gummireifen aufgezogen hat. "Ich glaube, es ist besser", sagt der gebürtige Amerikaner mit breitem Akzent. Ganz sicher ist er aber nicht. Im benachbarten Fahrgeschäft "Magic" wird Michael Jacksons Hit "Bad" gespielt. Das stört die Messung. Richard Simmons leitet seit 1977 mit seiner Frau Irene das deutsch-amerikanische Volksfest. Noch am Vormittag hat er Kies auf den vom Regen durchweichten Boden des Kirmesgeländes gekippt, außerdem die Stromversorgung überprüft. "Dieses Jahr war es schwerer als sonst", sagt Simmons. "Erst im März bekam ich die endgültige Zusage von der Bahn für die Heidestraße 20."

15:10: "Sweet home Alabama" schallt es über den Festplatz. Die Band "Strange Brew" hat die erste Show am heutigen Tag begonnen. Die Festbesucher finden sich auf dem Platz ein und drängen sich bald in den wenigen Schattenplätzen vor den Getränke- und Imbissbuden. Eine Gruppe Männer in Cowboy-Stiefeln singt lauthals mit. "Ein echter Amerika-Fan kann den Song auswendig", sagt er später.

15:50: "So gefährlich war das nicht", sagen Nicole und Matthias Boehlert nach einer Fahrt in der Achterbahn "High Explosive". Aber die Kulisse des an ein Bergwerk erinnernden Fahrgeschäfts hat ihnen gefallen. Beim nächsten Mal nehmen sie ihren anderthalb Jahre alten Sohn mit. "Aber heute passt die Oma aufs Kind auf und wir haben mal wieder Zeit für uns", sagt Matthias Boehlert.

16:20: Petra Hannig-Schröder ist schon von weitem zu hören. Knatternd fährt die 48-Jährige mit ihrer Harley-Davidson, Baujahr 1989, auf den Festplatz. Heute, wie auch am kommenden Dienstag, ist Bikertag auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest. Am Abend soll die schönste Maschine prämiert werden. Die Harley von Petra Hannig-Schröder ist wirklich etwas Besonderes: "Ich habe sie mir vor 19 Jahren gekauft und sehr viel Arbeit hineingesteckt." Was Petra Hannig-Schröder am Motorrad begeistert, sind vor allem Sound und Fahrgefühl. "Damit kann ich nicht so schnell fahren, maximal schaffe ich 130 Kilometer pro Stunde - wenn ich den Motor quäle." Aber so könne sie unterwegs wenigstens die Landschaft genießen.

17:05: "Bingo", ruft Stefanie Gräfe durch das kleine Zelt am Festplatz. Die 24-jährige Studentin spielt zum ersten Mal seit sechs Jahren Bingo und hat gleich gewonnnen. Sie darf sich nun einen Preis aussuchen. "Ich glaube ich nehme die Porzellanschüsseln", sagt sie. Ein Plüschtier sei ihr zu kitschig.

18:30: Zoe ist schon eine erfahrene Reiterin. Ihre Tante hat auch ein Pferd und ihr hilft Zoe oft bei Striegeln und Stalldienst. Deshalb traut sich die Dreijährige auch auf das Haflinger-Pferd Lisa, das im Ponyhof seine Runden dreht. Nach drei Stunden im üppig im Western-Look dekorierten Reitbereich werden die Tiere von Besitzer Alexander Lauenburger ausgetauscht, damit seine Pferde nicht überstrapaziert werden.

19:20: Der Linedancer Hansi Krug aus Spandau legt einen traditionellen amerikanischen Tanz auf den Tanzboden vor der Festbühne. Die Country-Music der zweiten Band des Tages, "Modern Earl", erklingt. Sehr mitreißend. Schnell kommen weitere Dancer hinzu. "Push-Push" heißt der Tanz, erzählt Hansi Krug später. Alle Linedancer aus der großen, stadtweiten Gemeinschaft beherrschen diese Choreografie. "Deshalb findet man überall Tanzpartner. Auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest sowieso", sagt Krug. Für Country- und Linedance-Fans ist die Veranstaltung das alljährliche Highlight.

20:50: Eigentlich sind Sarah Garate und Maurice Duch gekommen, um mit ihrer Clique ein paar Bier zu trinken. Aber zur Sonnenuntergangszeit verabschieden sich der 19-Jährige und seine 18 Jahre alte Freundin und gehen zum Riesenrad. Den romantischen, orangefarbenen Himmel und die Aussicht über Volksfest und Berlin aus 45 Metern Höhe will das junge Pärchen doch lieber ungestört allein genießen.

22:00: Dieser Graf Dracula macht Max wirklich keine Angst. "Der ist ja überhaupt nicht echt", sagt der Sechsjährige, als sich die offenbar nur mäßig gruselige Pappmaché-Figur aus dem Sarg vor der Geisterbahn "Tanz der Vampire" erhebt. Hinein in die Geisterbahn will Max dann aber doch nicht - da gibt es ja noch andere Geister und wer weiß: "Vielleicht sind die ja echt", raunt er.

00:00: Der Rummel ist vorbei. Alle Schausteller sind nach Hause gegangen oder in den riesigen Wohnwagen hinter den Buden verschwunden. Kirmes-Chef Richard Simmons schließt sein Festbüro hinter der Bühne ab. "Zum Glück muss ich morgen erst um die Mittagszeit wieder anfangen. Ich bin wirklich müde", sagt er.