Kleine Entdeckungen

Heilige Gertraude für Arme

Laute Musik dringt aus geöffneten Fenstern. An der Friedrichsgracht, abseits des tosenden Straßenlärms der Großstadt, regiert dämmrige Stille. T

räge umspült das schwarze Wasser des Spreekanals zwei modrige Holzpfeiler. "Wer schläft, sündigid nicht", hat ein orthographischer Sünder auf die Kanalmauer geschmiert. Daneben, auf der 115-jährigen Gertraudenbrücke, ragt das bronzene Standbild der heiligen Gertraude drei Meter hoch empor. 1896 von Rudolph Siemering im Wachsausschmelzverfahren modelliert, erinnert es an das Gertraudenhospital aus dem 15. Jahrhundert. Die Figurengruppe zeigt Äbtissin Gertrud vom belgischen Kloster Nivelles und einen Wanderburschen mit Gans, den die Schutzheilige der Reisenden mit einem kräftigen Schluck Wein bewirtet. Das Engagement der Äbtissin, es liegt rund 1350 Jahre zurück, ließ sie posthum zur Patronin der Armen, Kranken und Witwen werden. Im Zweiten Weltkrieg von Bronzegießer Hans Füssel vor dem Einschmelzen für Waffen gerettet, steht die Brückenheilige seit 1954 auf ihrem alten Platz. Weil Gertraude zudem Mäuse- und Rattenplagen bekämpfen soll, säumen Bronze-Nager ihren Sockel.