Berliner Perlen

Schicke Bräute

Je feierlicher der Anlass, umso brennender die Frage, was eine Frau anziehen soll. Die Qual der Outfit-Wahl erreicht zweifellos ihren Höhepunkt vor der eigenen Hochzeit. Bräute sind geradezu verpflichtet, an diesem Tag alle anderen an Schönheit zu übertreffen.

Außerdem muss das Hochzeitsfoto auch Jahrzehnte später den Enkelkindern einen Eindruck von Klassik, Stil und Eleganz vermitteln. Böse Zungen behaupten, dass es Bräute gibt, die der Auswahl des Hochzeitskleids mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen, als der Wahl des Ehemanns.

"Ein Hochzeitskleid auszusuchen braucht unbedingt seine Zeit", sagt Friederike Jortzig, die seit 16 Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert die Brautmoden-Kollektion "Chiton" herausgibt. "Das ist eine sehr emotionale Angelegenheit." Aufgeregt seien fast alle Bräute bei der Anprobe. Einige wissen sofort, was sie wollen und sind überwältigt vor Glück, wenn sie sich im Stück zum ersten Mal im Spiegel sehen. Andere zögern und tun sich mit der Entscheidung sehr schwer. "Die meisten kommen zweimal zur Beratung. Beim ersten Besuch schauen sie sich unsere Kollektion an. Dann brauchen sie eine Woche oder zwei, um die Eindrücke sacken zu lassen und herauszufinden, was sie wirklich wollen", sagt die gelernte Schneiderin. Anschließend sind noch bis zu vier Anproben nötig, bis das Kleid die Figur der Braut angemessen umschmeichelt.

Zarte Sahnetöne

Die Hochzeitskleider bei Chiton schimmern in zarten Sahne-, Creme- und Elfenbeintönen und hängen mit gebührlichem Abstand an den Kleiderstangen, so dass man sie mit angemessener Ehrfurcht in die Hand nehmen kann. Sie sind von schlichter Eleganz: Spitze, Seidenrosen und Stickereien werden sehr maßvoll eingesetzt. Maßbänder, Stecknadeln, Schneiderkreiden und Scheren liegen allzeit griffbereit auf einem großen Holztisch. Kein Zweifel: Glamour und Handwerk liegen bei Chiton dicht beieinander. "Wir entwickeln die Kleider gemeinsam und haben auch grundsätzlich einen ähnlichen Geschmack", sagt Friederike Jortzig. "Robert achtet allerdings besonders darauf, dass die Linienführung reduziert und harmonisch ist.".

Das Ehepaar lernte sich während ihrer Ausbildung zum Maßschneider auf der Berufsschule kennen. Vor 24 Jahren machten sie sich selbstständig und designten zunächst Kollektionen für Damen und Herren. "Wir haben Hosen, Röcke, Blusen und auch Regenjacken mit gewachster Baumwolle entworfen. Die Sachen kamen gut an, aber es war klar, dass wir unsere Nische noch finden mussten", sagt die Designerin. Nachdem sie einer Freundin ein Brautkleid auf den Leib geschneidert hatte, kamen "ungefähr 15 Freundinnen und Cousinen der Braut" auf sie zu, die ebenfalls in schlichtem und klarem Design vor den Traualtar treten wollten. Und damit war die Nische gefunden.

Etwa 70 bis 100 weiße Hochzeitskleider werden bei Chiton während der Hochzeitssaison von Mai bis September angepasst und geschneidert. In der Regel kosten sie zwischen 1000 und 2000 Euro. Die Etuikleider, die etwas versteckter und gedrängter in einer Ecke hängen, kommen meist im Dezember, dem klassischen Standesamt-Monat, zum Einsatz, wenn der Ringtausch aus unromantischen Steuerersparnis-Gründen noch vor Jahresende vollzogen werden muss.

"Das Kleid muss zur Persönlichkeit und auch zum Rahmen passen, in dem gefeiert wird", findet Friederike Jortzig. Das Brautkleid von Kate Middleton, zweifellos die meist beachtete Braut der letzten Jahre, findet sie durchaus gelungen: "Ich hätte ihr ebenfalls etwas in dieser Richtung empfohlen. Ein Kleid darf ja bei einer kirchlichen Trauung nicht zu sexy sein und die lange Schleppe ist bei einer Hochzeit im Hochadel Pflicht." Besonderen Eindruck auf Berliner Bräute machte das enge weiße Kleid, in dem die mittlerweile ebenfalls berühmte Brautschwester Pippa durch die Westminster Abbey defilierte. "Ich hatte schon zwei Kundinnen, die sich genau so ein Kleid für ihre Hochzeit wünschten", berichtet Friederike Jortzig. Ihr britischer Stoffhändler muss so etwas geahnt haben. Gleich nach der Royal Wedding schickte er ihr drei Stoffproben zu, die denen der Kleider der Braut, sowie deren Mutter und Schwester ähnelten.

Stammkundinnen gibt es nicht

Stammkundinnen, das bringt das Geschäft mit Hochzeitskleidern mit sich, hat das Ehepaar Jortzig nicht. Nur ein Mann, dessen erste Frau bereits ein Kleid von Chiton bei der Vermählung trug, wollte auch seine zweite Gattin dort einkleiden. "Eine seltsame Situation", erinnert sich Friederike Jortzig. Einige ihrer Kundinnen schauen nach der Trauung noch einmal vorbei und zeigen Fotos, andere lassen ihr Hochzeitskleid so umschneidern und umfärben, dass sie es noch häufiger tragen können. Eine Option, die der Brautmoden-Designerin nicht offenstand: Ihr eigenes Hochzeitskleid verschwand vor Jahren gemeinsam mit vier anderen ihrer Entwürfe. Sie hatte es nach Paris zu Foto-Aufnahmen geschickt. Das Paket mit den Kleidern verließ noch die Stadt in Richtung Berlin, der weitere Verbleib konnte nie aufgeklärt werden. Was bleibt, sind Fotos und der tröstliche Gedanke, dass "hoffentlich ein Postzusteller mit fünf Töchtern das Paket gestohlen hat, die er später allesamt in unseren Kleidern verheiratet hat".

Chiton Goltzstraße 12, Schöneberg, Tel. 216 60 13, Mo.-Fr. 11 bis 18.30 Uhr, Sbd. 11-14 Uhr.