Zwölf Stunden

Auf dem Laufsteg der Kulturen

In der ehemaligen Kongresshalle in Tiergarten wird geplant, gehämmert und geschminkt, bevor am Abend Models die neuesten Kreationen aus der Kunsthochschule Weißensee präsentieren

08:20 Der Himmel ist grau. Es nieselt. Keiner weiß, ob das Wetter bis zum Abend aufklart. Egal. Der Rasen muss jetzt fertig ausgerollt werden. Jan Poneß von der Beuth Hochschule für Technik (HKW) verlegt die letzten Bahnen. Sie sollen heute Abend bei der Modenschau wie kleine grüne Inseln auf dem Dach der einstigen Kongresshalle, der "schwangeren Auster", liegen.

09:00 Am Tresen des Empfangsschalters an der Ostrampe greift Valerie Smith, die Bereichsleiterin Bildende Kunst, Film und Medien, in das Glas mit Bonbons. Erste Nervennahrung. Erik Heermann reicht ihr die Schlüssel zu ihrem Büro. "No letters yet", erklärt er der amerikanischen Kuratorin. Sie hat gleich ein Meeting mit einer serbischen Künstlerin, die demnächst im Haus der Kulturen der Welt ihre Arbeiten präsentieren soll.

10:00 Große, dürre, langhaarige Mädchen auf hohen Schuhen steigen aus dem 100er Bus an der Haltestelle vor dem Haus der Kulturen der Welt. Sie wurden für die Schau der Modedesign-Studenten der Kunsthochschule Weißensee gebucht und müssen jetzt zum Schminken und zur Anprobe.

10:45 Ein Bohrer dröhnt. Unten im Café Global werden die Fenster ausgetauscht. Die neuen sollen besser dämmen. An einem Gebäude von 1957 ist eben immer etwas zu tun.

11:30 Alexandra Engel, Mitarbeiterin der Intendanz, sitzt in ihrem Containerbüro und schreibt Mails an die Kunsthochschule. Die Abschlussjahrgänge sollen ihre Kreationen auch im nächsten Jahr wieder im Haus der Kulturen der Welt zeigen. Die Architektur der ehemaligen Kongresshalle und neue Mode - das passe einfach großartig zusammen, findet Alexandra Engel.

12:00 Im Foyer beginnt Silvia Fehrmann, Bereichleiterin Kommunikation, ihre Einführung für die neuen Praktikanten. "Hier links ist der Ausstellungssaal, dort vorne geht es hinunter zum Projektraum Labor Berlin, dort hinten in die Büros der einzelnen Abteilungen." Erst mal brauchen die Neuen einen Überblick. Dann hören sie von den Ideen, die hinter diesem Ort stecken.

12:45 Anna Bartels, Trainee in der Intendanz, steht zwischen den Modedesign-Studenten. "Ihr dürft bitte nichts an die Säulen und Wände kleben. Die stehen alle unter Denkmalschutz", erklärt sie und weist auf die Stellwände hin. Laura und Yasar pinnen die Fotos ihrer Kleider und der Models daran und schreiben die Laufnummern dazu. Jedes Mädchen muss wissen, wann sie heute Abend an der Reihe ist.

13:00 Aus dem Büro von Detlef Dietrichsen dringen arabische Melodien. Auf dem Schreibtisch des Bereichsleiters Musik, Tanz und Theater stapeln sich die CDs in mehreren Türmen. Gerade hört er algerische Rai-Musik. Er sucht noch etwas für die Momente vor und nach den Konzerten beim Festival "Wassermusik", das noch bis 6. August läuft. Einfach irgendwelche Musik, das will er nicht. Es muss schon thematisch passen.

13:30 Eine Reisegruppe aus Detmold hat sich im Restaurant Auster niedergelassen. Kellner Kemal Pamukoglu und seine Kolleginnen servieren gebackenes Gemüse mit Couscous. Die Mitarbeiter des HKW holen sich ihr Essen direkt an der Theke. Endlich scheint die Sonne. Mittagspause auf der Spree-Terrasse, an der ein Ausflugsdampfer nach dem anderen vorbei fährt.

14:15 Frank Domhan, Mitarbeiter des Projektes "Über Lebenskunst" hat ein Druckerproblem. Er muss die Fahnen für das Buch zum 101 Stunden dauernden Festival lesen. Er wird es später noch einmal versuchen. Jetzt muss er schnell in Sao Paolo anrufen und besprechen, wie genau die Übertragungen vom 17. bis 21. August zum Nachhaltigkeits-Festival aussehen werden. Wer moderiert und wann?

15:00 Damit die Nachhaltigkeit beim Festival "Über Lebenskunst" auch beim Essen zu spüren ist, gehen Andrea Schubert und Karina Athmann in den extra angelegten Kräutergarten. Zwischen Rotem Basilikum, Currykraut, Ysop, Thymian, Orangenminze und essbaren Chrysanthemen jäten sie das Unkraut weg.

15:30 Im Büro der Programmkoordination bei Cordula Hamschmidt klingelt das Telefon, ein Dolmetscher für eine Lesung beim "Wassermusik"-Festival ist krank geworden. Nun braucht man schnell Ersatz. Vielleicht kann der neue Übersetzer auch gleich für die Veranstaltung "Translating HipHop" gebucht werden. Alles was im Haus der Kulturen mit Lesungen, Literaturpreis, Autoren oder Konferenzen zu tun hat - bei Cordula Hamschmidt laufen die Fäden zusammen.

16:00 In der improvisierten Garderobe auf der Empore des Foyers macht sich langsam Nervosität breit. Die Studentinnen Yasar Spörndli und Laura Krauthausen sind nicht nur für ihre eigene Kollektion zuständig, sondern auch für die Schuhe. Sie stellen rund 20 Paar High Heels auf eine Folie mit nummerierten Kästchen. Jedes der Mädchen präsentiert mehrere Kollektionen. Da ist eine klare Ordnung wichtig.

16:45 Auch auf dem Dach steigt die Anspannung. André Schulz, Leiter der Ton- und Videotechnik, hat ein Auge auf die Studenten, die nachher Musik auflegen. Roland Görisch, Student der Beuth Hochschule, hängt den letzten Scheinwerfer auf. Obwohl die Sonne jetzt scheint. Mode braucht eben viel Licht.

17:00 In der Ausstellung "Al Halqa" von Hannes Nehls und Thomas Ladenburger hat sich eine rotierende maghrebinische Stoffbahn verhakt. Thomas löst die schmale weiße Stoffbahn von der Decke und hängt sie neu ein. Jetzt können die Filme über die arabischen Geschichtenerzähler wieder drauf projiziert werden.

18:00 Acht Frauen und ein Mann haben sich im Projektraum "Labor Berlin" eingefunden. Gleich beginnt der Workshop "Lazy Climbing" der finnischen Künstlerin Pia Lindmann. Zuerst müssen sich die Teilnehmerinnen auf Pia Lindmanns bunte Hängematten legen. Roberta di Martino rutscht auf der anderen Seite gleich wieder herunter. Gar nicht so einfach, seinen Schwerpunkt zu finden.

18:30 Im Shop neben dem Projektraum räumt Susanne Schmidt die Bücher und Souvenirs wieder an ihre Plätze. In 30 Minuten hat sie Feierabend. Vielleicht bekommt sie ja noch ein wenig Sonne ab.

20:00 Oben auf dem Dach scheint noch immer die Sonne. Die Beats wummern und ein Model nach dem anderen trägt die Abschlussarbeiten der Modestudenten über den langen Laufsteg. Applaus brandet auf. Die viele Arbeit hat sich gelohnt.