Ausflugs-Tipp

Entdeckungen auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee

Unter den 220 Friedhöfen auf Berliner Stadtgebiet ist jener der Jüdischen Gemeinde in Weißensee der größte. Mit seinen 42 Hektar ist er zugleich die flächenmäßig größte jüdische Beerdigungsstätte in Europa. 1880 war der Friedhof vor den Toren der Stadt angelegt worden. 115 000 Grabstellen gibt es inzwischen, übersichtlich eingeteilt in Felder und Abteilungen.

Wer einen Rundgang über den Friedhof machen will, sollte festes Schuhwerk haben. Eine Kopfbedeckung kann man sich ausleihen. Der einzige Zugang liegt in der Herbert-Baum-Straße.

Die im Stil der italienischen Neorenaissance gebaute Friedhofskapelle * ist - wie die Anlage des gesamten Friedhofs - ein Werk des Architekten Hugo Licht. Wir gehen zunächst hinunter zum Feld C 2. Dort erhebt sich unübersehbar das Mausoleum für Anna und Sigmund Aschrott *. Es ist die größte Grabstätte auf dem Friedhof. Der Kaufmann, Verleger und Stadtplaner ließ sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts errichten. Erbaut hat die Gruft Arno Schmitz, der das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal am Kyffhäuser und das Leipziger Völkerschlachtdenkmal schuf.

Wer hätte damals, zu Beginn des Jahrhunderts, ahnen können, dass der Friedhof auch noch ganz andere Geschichte schreiben würde? Jene Geschichte der heimlich und anonym Bestatteten etwa, die sich aus Angst und Verzweiflung das Leben nahmen, um der Deportation zu entkommen. Und die Geschichte jener, die in Auschwitz, Theresienstadt oder anderen Orten der nationalsozialistischen Barbarei ermordet worden sind und derer später hier erinnert wurde. Im Feld C 2 findet sich auch die Grabanlage der Familie Tietz. Onkel Hermann wurde, dank seines Geldes, zum Patriarchen eines Kaufhausimperiums, das sein Neffe Oscar vergrößerte. Nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten musste der Name Hermann Tietz verschwinden. Daraus wurde Hertie.

Nur wenige Meter entfernt - im Feld T 2 an der Friedhofsmauer - liegt Adolf Jandorf begraben. 1907 hatte er das KaDeWe erbaut und 1926 sein Imperium an die Tietzens verkauft. Weiter die Friedhofsmauer entlang gelangen wir zum 1927 eingeweihten Ehrenmal der Jüdischen Gemeinde zu Berlin für ihre Gefallenen des Ersten Weltkriegs *.

Auf dem Rückweg zum Eingang kommen wir noch am Grab von Lina Morgenstern (U 1, Reihe 11) vorbei. Die in Breslau geborene Frauenrechtlerin hatte sich zu Lebzeiten als "Suppen-Lina" einen Namen gemacht. Früh schon gründete sie einen Pfennigverein für arme Schulkinder, später die Berliner Volksküche und Kinderschutzvereine. Die umtriebige Lina gab die Deutsche Hausfrauenzeitschrift heraus und das Illustrierte Universal-Kochbuch. 1909 wurde sie unter großer Anteilnahme in Weißensee beigesetzt.