Gourmetspitzen

Ein Stückchen Frankreich mitten im Kreuzberger Kiez

Mit Peer Kusmagk, dem Berliner Schauspieler, RTL-Dschungel-König und Frühstücksmoderator in den 90er-Jahren ist es gewiss etwas anders, als bei seinen bekannten Kollegen Robert De Niro, Justin Timberlake oder Ashton Kutcher, die, wie er, alle ein oder mehrere Restaurants betreiben, aber das ausschließlich als Investition, als Anlagemöglichkeit sehen.

Kusmagk dagegen ist leidenschaftlicher Gastgeber und Hobby- Koch. Und so ist sein Kreuzberger Restaurant La Raclette auch geführt. Wann immer er keine Dreharbeiten hat, empfängt Kusmagk selber seine Gäste. Hat sein Küchenchef einen freien Tag, steht er am Herd.

Als Hobby- Koch macht er das richtig gut. Davon konnte ich mich schon als Juror in der Kocharena überzeugen, wo der Berliner einen Gang gegen einen Profikoch gewann. Jetzt erlebte ich den sympathischen jungen Mann und seine Freundin Bella in der Lausitzer Straße im eigenen Restaurant mit Straßenterrasse und Bar gleich nebenan.

Die Karte mit wenigen Gerichten französischer Landküche ist bewusst sehr klein gehalten und versteigt sich nicht in kreativen Höhenflügen. Was mich hier vor allem fasziniert hat, ist die Atmosphäre, für die Peer Kusmagk sorgt. Man fühlt förmlich, wie er hier seinen Traum gelebt und verwirklicht hat. Ein selbst gezimmerter Kamin, in dem auch im Sommer die Holzscheite brennen, abgeschlagene Backsteinwände, liebevoll zusammengestellte Antiquitäten und 30 Plätze an kleinen Tischen. Ein Stückchen Frankreich, gepaart mit Kiez-Stimmung. Als nebenan ein türkischer Bäcker seinen Laden dicht machte, expandierte La Raclette, es entstand die gemütliche Bar für Aperitif, Digestif oder auch nur für gepflegte Cocktails zum Plausch.

Was bietet nun die Küche im kleinen "gallischen Dorf", wie er selber sagt? Natürlich Raclette, obwohl das ja nun eine Schweizer Spezialität ist. Das duftende Käsegericht gibt es als kleine Vorspeisen-Portion mit Mais und Ofenkartoffeln, traditionell und - das ist typisch für den gebürtigen Kreuzberger -, als Kreuzberger Raclette mit "beschwipster Birne und Hinterhofgemüse oder einem Trio von der Berliner Boulette" wie es witzig frech auf der Karte formuliert ist. Ich probierte das Boeuf Bourgignon, den scharf angebratenen und langsam geschmorten französischen Bistro- Klassiker ebenso wie Coq au vin. Das Boeuf überzeugte durch herzhafte Röstaromen, es war butterzart gegart und mit naturbelassenen Jus ein kleiner Genuss. Das Rindfleisch stammt wie beim "Steak Frites" (zartes Ribeye mit Pommes Frites) von Charolais-Rindern aus der Normandie. Gute Qualität. Das in Rotwein mit Karotten und Zwiebel geschmorte Huhn hätte ich mir saftiger gewünscht, es war aber, das möchte ich betonen, perfekt gewürzt.

Exzellent auch ohne Sterne-Ambitionen gelang bei den Vorspeisen der Ziegenkäse, frittiert im Brikteig mit Lavendelhonig und Blattsalaten. Wo Frankreichs Sonne für kleines Geld so hell strahlt, gibt es auch Schatten, allerdings nur einen bei meinem Besuch. Das war bei den Vorspeisen die hausgemachte Foie Gras (Gänseleber-Terrine). Leider war das hier servierte Gericht von Konsistenz und Geschmack eher ein Rückblick auf die Bauarbeiten, ein Produkt wie Mörtel, beim Aufschneiden bröselig und am Gaumen einer sehr groben Landleberwurst ähnlich. Schade.

Das blieb freilich der einzige Kritikpunkt. Dafür sorgte ein liebenswerter Ablauf, der mit einem Glas Winzer-Champagner (keine große Marke) begann, trocken und leicht, und mit einer gelungenen Creme brulée seinen Abschluss fand. Am Nebentisch, wo erst Wolfsbarsch in der Salzkruste und später flambierte Apfel-Tartletts auf den Tisch kamen, waren beglückte Genuss- Kommentare der hörbare Lohn für den Koch. Was bietet die Küche sonst noch an Tagesgerichten, die stets frisch angerichtet dem Gast auf einer Tafel verkündet werden? Natürlich Zwiebelsuppe, Steak Tartare und wie in der Pariser Brasserie Lipp eine zarte Lammkrone, auch einen Kaninchenrücken, mediterran zubereitet.

Der Service ist so persönlich wie bei einem privaten Besuch von guten Freunden. Darauf legt Peer Kusmagk besonderen Wert. Ein guter Gastgeber zu sein, macht auf Anhieb noch keinen guten Gastronom, was er ohne Frage inzwischen ist. Schmunzelnd blickt er auf die Anfänge zurück, als er mit seinem damaligen Partner, dem Schauspieler Ron Diels allabendlich bei einer Flasche Rotwein über ein neues Versteck für die Kasse sinnierte. Das führte dazu, dass die Kassette einmal für zwei Wochen verschollen war, weil sich partout niemand mehr an das extrem ausgefallene Versteck erinnerte.

Die Weinkarte ist klein, die Weinpflege groß. Unser Meursault war perfekt gekühlt. Insgesamt ein angenehmer Besuch. Da gehe ich gerne wieder hin.

La Raclette Lausitzer Str. 34, Kreuzberg, Tel. 61 28 71 21, geöffnet Mo. bis So. ab 18 Uhr, keine Kreditkarten (Cash only ist die Devise)

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost