Zwölf Stunden

Immer in Bewegung

Bahnhöfe werden gereinigt, BVG-Busse werden gewartet, Kilometer lange Kabel werden im U-Bahn-Tunnel verlegt: Auch in der Nacht herrscht bei den Berliner Verkehrsbetrieben Hochbetrieb

23:00: Wenn es Nacht wird, steigen Detlef Ackermann, Wolfgang Hensel und Peter Paesler in die Berliner Unterwelt hinab. Während sich die meisten Berliner wohlig in ihre Betten kuscheln, kümmern sich die BVG-Bauabwickler seit Wochen Nacht für Nacht darum, dass im feuchten, muffig riechenden Tunnel der U-Bahn-Linie 2 vor dem Bahnhof Eberswalder Straße alles wie am Schnürchen läuft. Wobei es weniger um Schnüre als um Kabel geht - sehr viele Kabel. In dreimonatiger Arbeit werden hier rund 60 Kilometer Drähte für ein modernes elektronisches Stellwerksystem verlegt. Und zwar nicht nur hintereinander: Neben-, über- und untereinander verlaufen gut 30 Kabel entlang der Wand. "Alle 100 Meter sind die Kabel beschriftet", erklärt Volker Milde, einer der Monteure. "Sonst würden wir den Überblick verlieren." Kabelsalat wäre hier fatal.

01:30: Dreckig-braune Ströme von Schmutzwasser, in das sich Zigarettenkippen und Plastikmüll mischen, laufen die Treppen des U-Bahnhofs Senefelder Platz hinunter. Einmal im Jahr wird jeder Bahnhof grundgereinigt - natürlich nachts, wenn keine U-Bahn fährt. Allein für die Entfernung von Graffiti gibt die BVG jährlich mehrere Millionen Euro aus und scheint doch keine Chance gegen die Sprayer zu haben. Auch der schwitzende Mann mit dem Hochdruckreiniger gibt sich keinen großen Illusionen hin: "In drei Tagen sieht das hier alles wieder aus wie vorher." Sprichts und widmet sich gewissenhaft der nächsten Treppenstufe.

02:30: Stress an der Zapfsäule: 180 Sekunden für die Reinigung, 180 Sekunden fürs Tanken - länger darf es bei keinem Bus dauern. Denn schließlich müssen hier auf dem Omnibus-Betriebshof in der Indira-Gandhi-Straße jede Nacht rund 210 Fahrzeuge auf ihren Einsatz am Tag vorbereitet werden. Bis zum Morgen fließen hier fast 10 000 Liter Benzin, jeder Bus schluckt mehr als 250 Liter. Andreas Kupsch ist froh, dass er für seinen Job etwas mehr Zeit hat als die Tankwarte: Als Vorarbeiter der Werkstatt muss er den Überblick behalten, was genau bei jedem der rund 20 Busse in der riesigen Halle im Argen liegt. Immerhin kann er sich dabei auf die Unterstützung modernster Technik verlassen: In einem Graben, über den jeder der Busse fährt, wird automatisch der Luftdruck aller Räder gemessen.

03:15: An der Zentrale trudeln immer mehr Busfahrer ein, stehen in Grüppchen zusammen, trinken Kaffee, rauchen. Es herrscht ein rauer Umgangston: Statt "Guten Morgen" dröhnt ein "Ach, der Chaot ist auch schon da!" über den Hof. Unverkennbar: Busfahren ist immer noch Männersache. Von den rund 600 Fahrern, die hier jeden Tag in drei Schichten ihren Dienst verrichten, sind gerade einmal 25 Frauen. Eine von ihnen ist Bärbel Hans, und das schon seit 22 Jahren. In rund 20 Minuten beginnt ihre Tour mit der Linie 255, weshalb sie sich auf ihr Fahrrad schwingt. "Ich stelle es an die Haltestelle, an der ich später abgelöst werde", erzählt sie. "Dann bin ich nach Feierabend schneller zuhause."

04:30: Im Minutentakt rollen jetzt die Busse vom Hof. Uwe Grey gibt einen Schlüssel nach dem anderen raus. Er hat Bereitschaftsdienst, muss also ran, wenn ein Kollege kurzfristig ausfällt. Doch heute erscheinen alle pünktlich zum Dienst, holen sich nach dem Schlüssel ihre Linienschilder ab und machen sich rund 30 Minuten vor Beginn ihrer Tour auf die Suche nach ihrem Fahrzeug. Das kann ein bisschen dauern: Das Gelände an der Indira-Gandhi-Straße ist mit einer Fläche von 11 8000 Quadratmetern - das entspricht 17 Fußballfeldern - der größte der fünf Omnibus-Betriebshöfe der BVG.

06:30: Der Sonderschalter im U-Bahnhof Rathaus Steglitz öffnet erst in einer halben Stunde, doch der 62-jährige Peter weiß schon jetzt ganz genau, was er will: Freitag Hallesches Tor und Sonnabend Potsdamer Platz. Dort wird er auf seiner Bluesharp, einer speziellen Mundharmonika, spielen, und damit seine Rente aufbessern. Um die gewünschte Genehmigung (6,80 Euro pro Tag) zu bekommen, ist er früh aufgestanden, denn die Lizenzen für das Musizieren in den U-Bahnhöfen sind begehrt. Peter, der seit 22 Jahren in den Bahnhöfen spielt, sagt: "Es gibt keine guten und schlechten Bahnhöfe, es gibt nur gute und schlechte Musiker." Petra Bengs, die für die BVG die Genehmigungen ausgibt, sieht das etwas anders: Bei ihr im Büro hängt eine Liste mit besonders begehrten Bahnhöfen: Alexanderplatz, Friedrichstraße, Potsdamer Platz, Stadtmitte, Kurfürstendamm und - die Überraschung - Eisenacher Straße.

08:00: Berufsverkehr, verstopfte Straßen, Gedrängel in Bussen und Bahnen. Doch Hans-Walter Kuder hat in der Betriebsleitstelle der Straßenbahn in der Lichtenberger Siegfriedstraße alles im Griff. Aber vor allem im Blick: Auf einem der vielen Monitore, vor denen er steht, bewegen sich unzählige kleine Pfeile über den Berliner Stadtplan. Jeder von ihnen steht für eine der 218 Trambahnen, die gerade im Ostteil der Stadt unterwegs sind. Wenn irgendwo ein Gleis zugeparkt ist, ein heruntergefallener Ast in der Oberleitung hängt oder ein Wasserrohrbruch die Strecke blockiert, erfährt es Hans-Walter Kuder innerhalb von Sekunden - und reagiert. Eine Strecke ist unterbrochen, Kuder koordiniert mit den Omnibus-Kollegen den Ersatzverkehr. Dann tippt er einen Text in den Computer, der wenige Sekunden später auf Dutzenden Haltestellen-Anzeigen erscheint: "Wegen eines Wasserrohrbruchs verkehrt die Linie 62 nur bis Mahlsdorf-Süd! Ersatzverkehr ist eingerichtet!" Viel mehr kann Hans-Walter Kuder nicht tun. Denn eine Tram kann nicht mal eben eine Umleitung fahren. "Über den Alexanderplatz rollen zu Spitzenzeiten 36 Züge pro Stunde", sagt Kuder. "Wenn da etwas passiert, kann man nichts umdirigieren - das ist hoffnungslos."

10:15: In der Servicestelle für die 305 000 BVG-Abonnenten möchte Carsten Budack die Jahreskarte seines Sohnes verlängern lassen. Da ist er bei Heike Brandt an einer guten Adresse. Denn die kennt sich mit den Wünschen und Problemen der Kunden besser aus als kaum jemand anderes: Schließlich war sie bei der BVG schon in der Kantine tätig, als Zugabfertigerin, Kontrolleurin und "Sachbearbeiterin im erhöhten Beförderungsentgelt" - die offizielle Bezeichnung für jene, die sich um Schwarzfahrer kümmern. Es gibt nichts, was die geborene Neuköllnerin in ihren 28 Jahren bei dem Verkehrsunternehmen nicht erlebt hat: Die Selbstmörderin, die sich 1997 auf dem U-Bahnhof Südstern vor den Zug warf ("Kopfüber, sie war sofort tot"), wird sie ebenso wenig vergessen wie die Nacht des Mauerfalls. "Mein Bahnhof war schwarz vor Menschen, an Zugabfertigung war nicht zu denken", Heike Brandt. Spätestens hier wird klar: Wenn in Berlin Geschichte geschrieben wird, ist die BVG fast immer irgendwie dabei - und das seit mehr als 80 Jahren.