Film: Arschkalt

Alles eine Frage der Temperatur

Der Mann ist wirklich cool. Das ist aber kein Kompliment. Rainer Berg arbeitet schon so lange im Tiefkühlsektor, dass er selbst zu einem schockgefrosteten Eismann geworden ist. "Im Leben ist alles eine Frage der richtigen Temperatur", glaubt Berg. Er hat sich für deutlich unter Null entschieden, seit er den väterlichen Kühlmittelbetrieb in die Pleite geführt hat und sich nun als Tiefkühllieferant verdingen muss.

Bergs frostige Lebensweisheiten aus dem Off, die mit Mikroskop-Bildern aus den Tiefen eines Eiskristalls illustriert werden, verleihen "Arschkalt" eine sinnfällige Struktur. Denn Regisseur und Autor André Erkau will nicht bloß eine launige Komödie aus dem Bofrost-Milieu vorlegen. Dem zynischen Berg stellt er einen naiv-trotteligen Beifahrer zur Seite, der mit seinem munteren Sprechdurchfall das genaue Gegenteil des maulfaulen Eisbergs ist. Herbert Knaup als Berg und Johannes Allmayer als sein Beifahrer Tobias funktionieren als "odd couple" prächtig. Was auch daran liegt, dass man bei der Hauptfigur weiß, dass sie kein verknöcherter Misanthrop ist. Um seinem in einem Altersheim lebenden Vater vorzugaukeln, dass der untergegangene Betrieb weiterhin floriert, strampelt sich Berg als Dienstleistungsscherge ab. Seine Coolness ist nicht als Menschenhass, sondern als Schutzmantel zu verstehen. Das Schockfrosten, so lernt man aus einer seiner Ausführungen, ist nun mal die probateste Versicherung gegen das Verderben. Wohingegen die größten Gefahren beim Auftauen drohen. Was an Berg denn auch exemplarisch vorgeführt wird - die hinter einem Chef-Panzer versteckte Herzenswärme der neuen Vorgesetzten Lieke (Elke Winkens) führt zum allmählichen Dahinschmelzen des Eismanns.

Vordergründig mag "Arschkalt" ein wenig an ein anderes Roadmovie aus dem norddeutschen Lebensmittelsektor erinnern, an "Die Schimmelreiter", wo eine vergleichbare Personenkonstellation auf der Suche nach sich selbst übers platte Land irrt. Erkau aber geht noch ein Stück weiter, indem er mit seinem Film Probebohrungen im kalten Herz des Kapitalismus vornimmt.

Wie gut er die Absurdität der Wirtschaftswelt auszumalen vermag, hat Erkau schon mit seinem Debüt "Selbstgespräche" gezeigt. "Arschkalt" weist viele Parallelen zu dem Callcenter-Drama auf. Hier wie dort versuchen die Charaktere in einer Arbeitswelt klarzukommen, die ihnen ihre Würde nimmt.

Verglichen mit "Selbstgespräche", wo der Chef verzweifelt mit Motivationsfloskeln um sich warf, geht "Arschkalt" subtiler vor. Sicher, auch hier wird die Profitmaximierungs-Strategie der Lächerlichkeit preisgegeben, indem aalglatte Managertypen dazu gezwungen werden, alberne Ohrschoner zu tragen. Erkau zeigt aber kein bizarres Rennen im Hamsterrad mehr, sondern das melancholische Treten auf der Stelle. Es ist vor diesem Hintergrund kein Zufall, dass die gute alte Welt des Kapitalismus hier nur als Farce wiederaufersteht - als Feier mit gefälschten Kunden in einer stillgelegten Fabrik.

Komödie: D 2010, 90 Min., von André Erkau, mit Herbert Knaup, Johannes Allmayer

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