Mein perfekter Sonntag

Frühmorgens an den Schlachtensee

Wer einen Sonntagmorgen mit Dirk Germandi erleben möchte, muss früh aufstehen. In den Sommermonaten schwört der Immobilienprofi auf die Ruhe der erwachenden Stadt. Entspannung zu einer Zeit, wo andere gerade mal aus dem Nachtleben kommen.

Gut 15 Jahre lang ist Germandi durch das Berlin der Nachwendezeit gewirbelt. Das hauptstädtische "Tempo, Tempo"-Motto der Weimarer Republik stand Pate, als er Mitte der 90er-Jahre "Häuser am Helmholtzplatz gemacht" oder sein frühes Lieblingsprojekt an der Kastanienallee 10 durchgezogen hat. "Ein wunderschöner Altbau mit einer großen Tischlerei im Hinterhaus. Alles leider total herunter gekommen", erinnert er sich. "Da gab es 'Fahrrad Linke', eines der ältesten Fachgeschäfte der Stadt, das heute in der vierten Generation immer noch dort zu finden ist. Das hat Spaß gemacht. Eine echte Herausforderung." Germandi und seine Profi Partner AG sind spezialisiert auf denkmalgeschützte Gebäude, die aufwendig restauriert werden. Ein Leben unter Hochdruck, das auf Dauer an die Substanz geht.

Zehlendorfer Zen-Mentalität

Mittlerweile wirkt der alerte Exil-Münchner, als hätte er seine Balance gefunden. Gerade am Sonntag lebt Germandi die neue Zehlendorfer Zen-Mentalität aus. "Auch am Wochenende bin ich gerne mal um sieben Uhr morgens wach", sagt er. "Mit Kaffee und Zeitung geht es dann in den Strandkorb auf der Terrasse. Oder ich laufe zum Schlachtensee runter und halte die Füße ins Wasser. Kein Radio, kein Lärm. Eine Stunde oder zwei nur für mich, was ich für puren Genuss halte."

Vom Nomadenleben zwischen Flieger und Hotel, über eine Wohnung in Prenzlauer Berg bis zu seinem Refugium im grünen Südwesten ist Germandi rasch heimisch geworden. "Ich habe mich nie als Externer gefühlt, zumal es den typischen Berliner doch gar nicht mehr gibt. Oder muss man in der dritten Generation im Wedding geboren sein, um als solcher zu gelten?", stichelt er. "Meine Mutter ist geborene Ostpreußin, die es als Kleinkind nach Fürstenfeldbruck bei München verschlagen hat. Ich bin ein Teil ihres Weges wieder zurück gegangen." Wenn der Morgenmensch an einem dieser ausgeglichenen Sonntage am Mexikoplatz die Brötchen für die Familie holt oder später im noblen Golf- und Land-Club Wannsee vorbei schaut, klingt das nach perfektem Idyll. Ein erfolgreicher Geschäftmann macht sich locker.

Doch Germandi hätte wohl kaum mehr als 100 Umbauprojekte in Berlin, Potsdam und Dresden schlüsselfertig übergeben können, würde es nicht auch sonntags in ihm arbeiten. Aktuell revitalisiert er die fünf Innenriegel des Haus Cumberland am Kurfürstendamm 193/194 zu hochwertigen Eigentumswohnungen, während ein Geschäftpartner im wuchtigen Vorderhaus für Büros und Gastronomie sorgt. Ein komplexes Unternehmen zwischen Finanzierung und Bauschutt, an dem die Vorgänger kläglich gescheitert sind.

Wenn er heute am Helmholtzplatz einen Sonntags-Espresso nimmt, darf er sich angesichts des rundum durchsanierten Gründerzeitkiezes als Pionier fühlen. "Als wir 1997 mit den ersten Häusern begonnen haben, wollte hier keiner hin. Es gab dort eine offene Drogenszene und jeder hat uns für verrückt erklärt. Ein klares Risiko, das auch von der Finanzierung her sehr schwierig war", sagt er und blickt über den Tassenrand auf vorbei rollende Kinderwagen.

Im Rhythmus der Metropole

Auf das allgegenwärtige Thema Gentrifizierung und Verdrängung der einstigen Subkultur reagiert Germandi durchaus kämpferisch. "Natürlich sucht und braucht die kunstalternative Szene günstigen Wohn- und Gewerberaum. Das Ganze am liebsten im Umfeld des Unfertigen. Doch das lässt sich im Rhythmus einer Metropole nicht dauerhaft konservieren. Für das städtische Allgemeinwohl war es bitter nötig, dass die vielen kaputten Gebäude endlich wieder eine ordentliche Grundsteuer generieren. Wir haben in vielen Projekten Kleingewerbe drin. Egal ob Schreiner, Bäcker oder freier Künstler. Das lässt sich ja staffeln."

Auf dem Weg zum Cafe Schönbrunn im Volkspark Friedrichshain räumt Germandi ein, dass er auch privat durchaus gerne in Prenzlauer Berg geblieben wäre. Schließlich hat er das Quartier an vielen Ecken mitgestaltet. Gerade die Geschichte der charakteristischen Mischung aus Handel, Gewerbe und Wohnen fasziniert ihn auch weiterhin. Doch mit der endgültigen Entscheidung in Berlin heimisch zu werden, sind seine Frau und der heute zehnjährige Sohn nachgezogen. Und dann wurde es eben das gesetztere Zehlendorf. "Wir fühlen uns mittlerweile sehr wohl im Westen", sagt er. "Wie in einem Vorort mit großstädtischem Charakter, was Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten anbetrifft. Gerade sonntags ist es wichtig, den Rhythmus wechseln zu können."

Wie entdeckt Dirk Germandi eigentlich neue Objekte? "Meist ist das sehr profan", antwortet er. "Das Liegenschaftsamt schreibt etwas aus oder ein Makler meldet sich. Neulich sonntags drohte am Adlergestell ein Stau. Bei der Umfahrung habe ich ein Gebäude entdeckt, es kurz fotografiert und nachrecherchiert." Es scheint nicht einfach für Dirk Germandi, wirklich komplett abzuschalten.

"Mittlerweile fühlen wir uns sehr wohl im Westen"

Dirk Germandi, Projekt-Entwickler