Zwölf Stunden

Ein Zelt voller Talente

Im Zirkus Cabuwazi lernen Schüler aus sozial schwachen Bezirken mehr als Artistik. Die Erzieher dort lehren Kinder das Kunststück, selbstbewusst und fair mit sich und anderen umzugehen

06:45 Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf zwei rot-gelb-gestreifte Zirkuszelte am Ostbahnhof. Wolfgang Krappig dreht den Torschlüssel und öffnet das Gelände des Cabuwazi-Zirkus' "Shake!" in Friedrichshain. Der 60-Jährige liebt die ruhigen Morgenstunden, in denen er dort noch alleine ist. Er macht in der Kantine das Frühstück für die Mitarbeiter, die allmählich eintreffen. "Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr. Bei uns ist es Tradition, dass alle zusammen frühstücken." In einem Zirkuswagen hat er sein Büro. Er ist der Koordinator der Werkstätten auf dem Gelände, sorgt dafür, dass für die Schulkinder, die hier jede Woche ihr Zirkusprojekt auf die Beine stellen, Menschen da sind, die sich mit Metall- oder Holzbau auskennen, sich um die Bühnentechnik und die Kostüme kümmern. Einige von ihnen haben eine Integrationsstelle, sind schon lange arbeitslos und freuen sich über neue Aufgabe.

09:00 Die bunten Zirkuskostüme sind der Renner für Belin, Merve und Maria. Die Mädchen aus der fünften Klasse der Heinrich-Zille-Grundschule laufen begeistert durch den Zirkus-Kostümfundus: Pailletten, Perlen, Federboas und natürlich viel Glitzer. Links und rechts hängen zahlreiche Kleider, Anzüge, Schals, Perücken, Hüte und eine Anleitung zum Krawattenbinden. Kostümschneiderein Gabriele Müller lacht. "Hier ist eigentlich immer was los, weil die Kinder so gern herkommen." Die drei Mädchen sind da, um sich schnell die passenden Kostüme zu holen. Eigentlich stecken sie mitten in der Probe. Sie üben, auf riesigen Kugeln zu laufen. Am Ende der Woche wollen sie ihre Zirkusaufführung präsentieren: Tanz, Artistik und selbst genähte Kostüme. Jeder kann machen, wofür er sich interessiert.

09:30 In allen Räumen, die für das Zirkushandwerk zur Verfügung stehen, etwa Schlosserei, Requisiten- und Bühnenbildwerkstätten, wird emsig gebastelt, balanciert und genäht. Ein Teil ist im denkmalgeschützten, ehemaligen Schlesischen Güterbahnhof untergebracht. Die Bögen unter der alten Bahntrasse eignen sich mit ihren großen Holztüren perfekt für die Arbeit. Auf dem Platz davor stehen die Zirkuswagen mit den Büros der Verantwortlichen.

10:00 Die sieben Nähmaschinen summen und die Bügeleisen fliegen nur so über die Bügelbretter. In der Kostümwerkstatt werden Aliens genäht. Denn die Kugelläufer sollen außerirdisch gut aussehen. Das Thema diesmal: "Zeitreise". Tudor Bancioiv, den alle nur Tody nennen, geht auf in seinem Job. Der 23-Jährige aus Rumänien leistet ein Jahr lang seinen europäischen Freiwilligendienst. Sein ganzer Stolz: Die Handpuppen, die er für eine Vorstellung genäht hat. "Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist toll", sagt er. Manchmal hätten sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und verlören schnell den Faden. "Aber wenn es ein gutes Ergebnis gibt, sind sie sehr stolz. Davon lebt unsere Arbeit." Jede Woche betreut er eine neue Schülergruppe, erklärt ihnen, wie sie die Nähmaschinen bedienen, auf was sie bei den verschiedenen Stoffen achten müssen. Oft gelingt es ihm und den anderen Betreuern, Lernverweigerern zu zeigen, dass Lernen auch Spaß machen kann. "Wenn sie in der Schule ihr Englisch-Buch nicht dabei haben, stört sie das vielleicht nicht weiter", sagt Tody. "Aber wenn sie hier ihr Kostüm nicht bereit halten, ist das für sie und die anderen viel schlimmer und die Folgen sind sofort zu spüren."

10:30 In der Technikwerkstatt baut Tako ein rotes "E". Mit Raimund Klaes fertigen er und seine Freunde ihren Schulnamen "Heinrich Zille" in Form einer Leuchtkette an, die bei ihrer Klassenvorstellung zu sehen sein wird.

11:00 Roland Göbel rührt mit einem besonders langen Löffel in einem besonders großen Topf. Der Koch bereitet für alle das Essen zu. Nacheinander kommen Schüler, Betreuer und Mitarbeiter zu ihm in die Kantine. Der 52-Jährige hat bereits in der Paris Bar und in der Biokochschule "Abendmahl" gekocht. Heute gibt es Nudeln mit Bolognese-Soße oder Gemüsereis mit Salat. Für morgen köchelt schon die Frühlingssuppe auf dem Herd - in einem 30-Liter-Topf .

12:00 Noch weilen Luma und Neslihan auf der Erde. In ein paar Tagen, wenn sie erst Aliens sind, werden sie auf ihren großen Kugeln durch die Manege schweben. Deshalb müssen sie noch ein bisschen üben. Mithilfe von Zirkuspädagoge Guido Steinbeck balancieren sie, was das Zeug hält und fangen dabei Ringe, die er ihnen zuwirft. Am Fenster lehnen selbstgebaute Holzstelzen. Im Hintergrund übt die Diabolo-Gruppe und nimmt Rücksicht beim Werfen, um die Mädchen nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Wir proben heute schon den dritten Tag", sagt Neslihan. "Am Anfang hat es nicht gut geklappt, aber jetzt können wir uns richtig lange oben halten. Mal gucken, ob es mit dem großen Alienkopf auch geht."

13:30 Michael Pigl-Andrees, Sonnhild Ossapofsky und Felix Häckel haben Kekse und Croissants auf dem Tisch ausgebreitet. Genug für eine lange Besprechung. Die Leiter der "Shake!"-Akademie beraten über Einzelgespräche, die sie mit Absolventen der Zirkuspädagogen-Ausbildung führen müssen.

15:00 Zirkuspädagogin Rossitza Hammer gibt Anweisungen an die drei Mädchen, die auf dem Trapez sitzen. "Fledermaus", ruft sie. "Und jetzt Stern und dann Banane!" Die zierliche Frau, die einmal Artistin in den großen Zirkussen der Welt war, lacht. "Früher hatten wir nicht solche Wörter, aber für die Kinder sind sie hilfreich." Sie steht auf den weichen Matten und blickt nach oben zu Leona, Pia und Aileen, die sich selbstsicher auf den Stangen bewegen.

15:30 Getreu dem Showmotto "Zeitreise" malt eine Gruppe von Jungen Zifferblätter auf große Uhren aus Holzscheiben. Schlosser John Völker legt für sie die metallenen Zeiger zurecht. In der Kunstwerkstatt nebenan, die voll ist mit mysteriösen Requisiten, werden zauberhafte Masken gefertigt. Mädchen und Jungen bekleben sie begeistert mit viel Glitzer, bunten Stoffresten und malen sie schließlich an. Dieter Frenz, den seine Betreuerrolle begeistert, ist ein echter Künstler. Seinen Elan gibt er täglich an die Kinder weiter. Im Hintergrund steht unter anderem ein riesiger Clown, den er für den Karneval der Kulturen gebaut hatte, bei dem die Cabuwazi-Truppe auf dem Programm stand. Yasin und Nuor setzen sich ein paar Masken auf. "Der Pommeskopf mit den langen Schaumstoffpommes ist am coolsten", sagt Yasin.

18:50 Die Zuschauerränge im Zelt füllen sich. Gleich gehen die Scheinwerfer an. Einmal im Monat findet an zwei Tagen die Varietéshow "ZirCouplet" statt. Mit dabei ist auch Sarah Goody. Als die Artistin schließlich die Manege betritt, wird es spannend für das Publikum. An einem langen Tuch vollführt sie zu hypnotischer Musik waghalsige und verblüffende Bewegungen in großer Höhe. Die Zuschauer sind wie gebannt von ihrer Darstellung. Den Applaus am Schluss hat sie sich verdient.