Film: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2

Mach's gut, Harry

Es soll ja Leser geben, die bei der Lektüre der "Harry Potter"-Bücher ausgerechnet im letzten Band ausgestiegen sind. Und zwar in der ersten Hälfte. Da liest man sechs Romane mit zunehmend größerem Umfang und macht ausgerechnet im letzten schlapp?

Wer auch die Filmsaga verfolgt hat, kann es nachempfinden. "Harry Potter und die Heiligtümer Teil 1" war - sorry, Frau Rowling - schnarchlangweilig. Wir erinnern uns eigentlich nur, dass da die drei Zauberlehrlinge, Harry, Hermine und Ron irgendwo in düsteren Nebelschwaden im Zelt hockten und einen, sagen wir mal, gruppendynamischen Prozess durchmachten. Da war null Action, null Handlung, und eigentlich verriet sich hier nur das haltlose Kommerzdenken des Verleihs, der sich entschieden hatte, den dickleibigen letzten Band auf zwei Filmteile aufzuspalten, um zum Schluss noch mal doppelt abzukassieren.

Es ist aber natürlich ein grundsätzliches Problem: Wie aufhören? Die Frage stellt sich bei jedem Werk, wie aber, wenn man eine Serie daraus gemacht, wenn man die Spannung von einem Teil zum nächsten immer noch mal gesteigert hat? Wie soll, wie kann sich das in einem Finale wohlwollend auflösen? Schielen wir nur mal in die großen Filmreihen der letzten Jahre (auch wenn die bei weitem nicht so vielteilig waren). "Matrix" etwa. Ein grandioser erster Teil, der allerdings wie ein leeres Versprechen wirkte, das die beiden Fortsetzungen in keiner Weise einlösen konnten. Wie das alles endete, man hat es längst vergessen und wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Oder "Der Herr der Ringe". Das gefühlte letzte Viertel des dritten Teils war ein einziger Abschied von der Fantasy-Welt, der man über drei Winter die Stange gehalten hatte. Der Film war eigentlich längst zu Ende, aber nach dem Schluss gab es noch einen Schluss. Und noch einen. Das war fast schon amüsant, wie eine Parodie.

Und nun erst "Harry Potter". Die Buchhysterie ist ja längst durchgestanden, jedes Kind weiß, wie die Serie endet und dass eben doch keiner der Hauptprotagonisten den Kampf gegen das Böse mit dem jungen Leben bezahlen muss. Aber "Potter", die Filmsaga, ist ja unendlich mehr. Zum ersten Mal in der Filmgeschichte haben wir zehn Jahre lang drei Filmkindern zugeschaut, wie sie allmählich größer wurden, wie sich ihre schauspielerischen Begabungen ganz unterschiedlich entwickelt haben, nebenbei auch: wie sie erst Pickel, dann Bartstoppel und schließlich Bauchmuskeln bekommen haben. Hier nimmt man also nicht nur von einer Filmserie Abschied, sondern von einem ganzen Jahrzehnt, in dem wir die Protagonisten im Guten wie im Bösen begleitet haben. Und da ist es am Ende nicht mehr wichtig, ob wir sie immer sympathisch fanden oder ob sie uns nicht doch (wie auch Freunde und Familie im wahren Leben) zuweilen ein wenig angestrengt haben. Sie gehen von uns, wie Kinder, die groß geworden sind; und man bleibt allein zurück. So zumindest ergeht es den erwachsenen Zuschauern, die mitgenommen wurden von ihren Kindern. Und diesen Kindern wiederum, die die Film-Saga von Anfang an geguckt haben, geht es wie den Zauberlehrlingen im Film. Sie sind erwachsen geworden, nehmen Abschied von ihrer Schule, ihrem bisherigen Leben. Da geht so viel mehr zu Ende als nur ein Epos, so dass eigentlich kein Film dieser Welt diese Erwartungen zur Zufriedenheit aller erfüllen könnte.

Und doch, das sei allen gesagt, die nach "Heiligtümer 1" tatsächlich nicht mehr weiterschauen wollten, die Serie kommt mit "Heiligtümer 2" mit großem Anstand würdig zu Ende. Das Ende vom Ende fängt exakt da an, wo der Anfang vom Ende aufgehört hat. Aber diesmal gibt es keine Blaupause, das Zelt im Nebelnirgendwo ist endgültig abgebaut. Das Zauberlehrlingstrio hat seine Krisis, wer zu wem steht, ausgetragen. Jetzt geht es, endlich, gegen den Feind. Jetzt gibt es auch keine umständlichen Umwege mehr, Voldemort, dem Übelgeist, dem die Nase fehlt, geht es jetzt direkt an den Kragen.

Wahrscheinlich, so denkt man im Nachhinein, musste Harry Potter nur deshalb so viele andere Abenteuer be- und überstehen, um am Ende als Erwachsener, als Ebenbürtiger dem dunklen Lord gegenüberstehen zu können. Eigentlich ist die Potterei ja irgendwie, auch wenn das ketzerisch klingen mag, eine Messias-Geschichte. Von einem Heilsbringer, der Jünger um sich schart, am Ende aber seine Passionsgeschichte alleine durchstehen muss. Der Zauber-Messias, der Hogwarts erlöst, trennt sich, so viel sei schon verraten, am Ende von Hermine und Ron, die müssen quasi ein Parallelabenteuer bestehen. Potter aber tritt allein dem Satan gegenüber. Nun ja, unterstützt immerhin von den guten Geistern bereits Verblichener.

Die Konfrontation, sie findet in Hogwarts statt, und sie muss hier stattfinden. Die Special-Effects-Abteilung fährt noch einmal alle Zauberei auf, und es gibt ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten, die man etwas aus den Augen verloren hat, wie die gute Maggie Smith. Der ganz ganz große Showdown bleibt am Ende allerdings aus, das lang ersehnte Finale, es verpufft ein wenig, die Bösen lösen sich doch eher banal auf. Aber ist das nicht eine Erfahrung des Lebens, dass das Böse zuweilen viel banaler ist, als man es dämonisiert hat?

Nur ganz am Ende, da gibt es dann doch noch diesen Epilog, der schon am Roman zu Recht bekrittelt wurde. Da werden plötzlich 19 Jahre übersprungen, Harry und die anderen Überlebenden sehen ganz schön alt aus und haben jetzt eigene Kinder, die sie in den Zug nach Hogwarts schicken. Das ist, ganz klar, eine Staffelübergabe an die nächste Generation, aber eben auch die Serienschlussfalle, die wir aus der "Herr der Ringe"-Trilogie kennen: Wir müssen uns trennen, aber wir können noch nicht.

Da hätte David Yates, der seit Film Nr. Fünf Regie führt, vielleicht doch etwas mehr Mut haben müssen als die Autorin Joanne K. Rowling. Alle anständigen Märchen hören schließlich mit dem Zauberspruch "Und wenn sie nicht gestorben sind..." auf und entzaubern uns nicht unsere Kinderhelden als ganz gewöhnliche Erwachsene, die genauso langweilig sind wie Muggel. Mach's gut, Harry.

Fantasy: Großbritannien/USA 2011, 130 Min., von David Yates, mit Daniel Radcliffe, Ralph Fiennes, Emma Watson, Rupert Grint, Helena Bonham-Carter

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