Berlin genießen

Die prickelnden Verführer

Manchmal ist es gerade der Mangel, der neue Geschmackserlebnisse zulässt und Kreativität hervorbringt. Als Joris van Velzen in den 80er-Jahren in Moskau lebte, waren Cola, Fanta, Pepsi und andere Soft-Drinks, die den westeuropäischen Alltag versüßen, kaum erhältlich.

"Wenn man mal etwas bekam, führte das sofort zu Hamsterkäufen. Die kostbaren Flaschen wurden gehortet, damit man sie später gegen Fleisch oder andere rare Produkte tauschen konnte", erinnert sich der gebürtige Niederländer. Immerhin gab es "Baikal", ein Gebräu aus Kräuter-Extrakten der Taiga, das so etwas wie die Sowjet-Antwort auf Coca Cola sein sollte. "Es schmeckte wie eine Mischung aus Hustensaft und Sauna-Aufguss und war unfassbar süß", erzählt Joris van Velzen.

Für westliche Gaumen war das Getränk eigentlich ungenießbar. Wider Erwarten fand er aber irgendwann Geschmack daran. Nach 20 Jahren Moskau, in denen er zunächst als Journalist und später als Werbefotograf arbeitete, zog er nach Berlin. Vor zwei Jahren hatte er die Idee, eine Kräuterbrause nach "Baikal"-Vorbild auf den Markt zu bringen. Er gründete die Getränkefirma "Tannenwald" Am Tempelhofer Berg in Kreuzberg und bringt mittlerweile 100 000 "Wostok"-Flaschen innerhalb von sechs Wochen unter die Leute.

Dutzende Berliner Kneipen und Bars verkaufen das Getränk, auch in Polen, Österreich und der Schweiz ist es erhältlich. "Die Sache ist ein wenig außer Kontrolle geraten", sagt Joris van Velzen, der nach wie vor seinen Lebensunterhalt als Fotograf bestreitet, aber zunehmend mit dem Vertrieb der Brause beschäftigt ist. "Wostok" ist nicht sonderlich süß, schmeckt erfrischend und gefällig, wäre da nicht eine sehr interessante Beinote, die tatsächlich an Latschenkiefer-Badezusätze oder Erkältungssalben erinnert. "Wostok ist noch fichtiger im Abgang als Baikal. Ungefähr 70 Prozent aller Leute, die es probieren, finden es toll, der Rest grauenhaft", so der Limonaden-Hersteller über sein Produkt.

Jährlich etwa 80 neue Getränke

Es tut sich etwas auf dem Getränkemarkt. Schätzungsweise 80 neue Produkte kommen derzeit jährlich auf den Markt. Einige werben mit Zusatzstoffen aus biologischem Anbau oder fairem Handel, andere mit neuen, ungewöhnlichen Geschmackserlebnissen wie Chili-Cola oder Guarana-Schwarztee. "Gleich nach den Tiefkühlprodukten ist der Bereich der Erfrischungsgetränke der innovativste Sektor der deutschen Lebensmittelindustrie", sagt Detlef Groß von der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke.

Die meisten neuen Softdrinks kommen von Großbrauereien oder Getränkemultis wie "Aloha" von Warsteiner oder "Spirit of Georgia" aus dem Hause Coca-Cola. Immer wieder aber tauchen Branchenneulinge wie "Tannenwald" auf, die es schaffen, sich eigene Konsumenten-Gruppen zu erschließen. "Der Marktanteil solcher Newcomer liegt im Promillebereich", sagt Groß. In Berlin, Hamburg und anderen Städten mit ausgeprägter Ausgehszene würden solche Getränke aber durchaus eine Rolle spielen. Und so findet man kaum eine Strandbar oder Szene-Kneipe in Berlin, die sich auf das klassische Orangen-und-Zitronen-Limo-Repertoire verlässt. Wer mag, kann sich eine französische Orangina, die für ihren authentischen Orangen-Geschmack und die apart vor sich hin schwebenden Fasern aus Fruchtfleisch berühmt ist, trinken. Oder die bittere Johannisbeer-Brause "Sutherlandia". Das sogenannte Ginger-Beer der Marke "Thomas Henry" schmeckt scharf und brachial nach Ingwer und erinnert nur entfernt an das verwandte Ginger Ale.

Noch exotischer ist der Genuss von Bubble Tea, einer Spezialität aus Taiwan, die man sich mittlerweile in einem halben Dutzend Cafés und Spezialläden in Berlin zu Gemüte führen kann. Die Basis von Bubble Tea ist ein geschmacklich wenig auffälliger Eistee, der mit verschiedenen Sirup-Sorten gesüßt wird. Auf dem Grund des Teebechers liegen dunkle Kugeln, die mit einem extra dicken Strohhalm aufgesogen werden. "Tapiokakugeln werden 25 Minuten lang gekocht, bis sie eine kaugummiähnliche Konsistenz haben. Da die Stärke geschmacklos ist, werden die fertigen Kügelchen in eine Zuckerlösung getaucht", erklärt Wikipedia das Mysterium.

Das klingt für alle, die mehr als 14 Jahre alt sind, wenig verlockend. Doch die Kugeln, die aus der Stärke der Maniok-Wurzel gewonnen werden, munden angenehm glatt und bissfest. Einige von ihnen sind gefüllt und geben Fruchtsaft frei, wenn sie zerbissen werden. Das macht Laune, kommt ohne künstliche Zusatzstoffe aus, enthält Eisen, Calcium und Vitamin C und soll sogar gesund sein. "In Asien ist Bubble Tea enorm beliebt. Als meine Frau hierher kam, hat sie das Getränk sofort vermisst", berichtet Andreas Senkbeil, der jahrelang in Bangkok gelebt hat und vor kurzem gemeinsam mit seinem Kompagnon Andreas Schulze den Bubble-Tea-Shop "boobuk" eröffnete. Der Laden liegt strategisch günstig an der Kantstraße, in der es zahlreiche asiatische Restaurants gibt. "Einsteiger wählen meist einen Mango-Tee, später tasten sie sich langsam an die Milchtees heran", erklärt der Store-Manager Kirk Pholchiangsar. Die Milchtees mit Geschmacksrichtungen wie "Blueberry Yoghurt" oder "Caramel Bubble" schmecken ähnlich wie Milchshakes, wären da nicht die Perlen, die man mit dem Strohhalm schlürft: plop, plop, plop.

Bubble Coffee schon im Anmarsch

Man darf davon ausgehen, dass demnächst neue Softdrinks die Mägen junger Menschen erobern werden. In Asien und USA hat bereits "Bubble coffee seine Fans gefunden. Auch Joris van Velzen arbeitet an einer neuen Limonade. Rot soll sie sein, Birken-Flair verbreiten und "noch merkwürdiger als Wostok", schmecken. Doch mit seinen Produkten möchte er nicht die Supermärkte erobern, sondern eine Nische besetzen. Alles Neue verliert nämlich rasch seinen Reiz, wenn es jeder kennt. So wurde Bionade vom Szene- zum Allerweltsgetränk, nachdem die Marke zum Teil von der Radeberger-Gruppe übernommen wurde. Auch die Hamburger fritz-kola-Produkte verloren deutlich an Sympathien, seit sie überall erhältlich sind. Das wird der Berliner Brausen von "Tannenwald" nicht so schnell passieren.

Boobuk Kantstraße 118-119, Charlottenburg, Tel. 94 04 40 77, täglich 10-22 Uhr

Bubble T Rodenbergstr. 6, Prenzlauer Berg, Mo.-Sbd., 12-20 Uhr, feiertags 14-20 Uhr

And Dots Weserstraße 7, Neukölln, Tel. 623 91 16, tgl. ab 13 Uhr