Berliner Perlen

Nur für tollkühne Kunden

"Ein richtiger Geschäftsmann bin ich nicht", sagt Peter Schlauch. Er nippt an seinem Kaffee, raucht seine Morgenzigarette und grüßt die Nachbarn. Ein kleiner runder Tisch und drei Stühle stehen vor seinem Laden an der Charlottenburger Schillerstraße. Es ist wenige Minuten vor elf Uhr und Schlauch lässt den Tag ruhig angehen.

"Natürlich habe ich mein Geschäft, um Geld zu verdienen", sagt er, "aber ich möchte damit eher etwas bewegen. Das steht im Vordergrund."

"Der kleine Zirkusladen" ist über das Schaufenster geschrieben. Daneben aufgeführt: "Artistik, Einräder, Jonglieren, Kinderzirkus, Zirkusbedarf." Nichts für den täglichen Gebrauch. Im Schaufenster ausgestellt sind Dinge, deren Handhabung ein gewisses Maß Geschicklichkeit, Gleichgewichtssinn, Fingerfertigkeit, Spaß an Bewegung und Beweglichkeit erfordern. Es sind Bälle, Hula-Hoop-Reifen, Jonglierkeulen und vieles mehr. Bunt, kurios und Spaß versprechend.

Der neueste Trend

"Der Hit sind die Slacklines", sagt Schlauch. "Wie beim Seiltanzen balanciert man auf einem Schlauch- oder Gurtband." Da sei ein richtiger Trend zu beobachten. Beim Balancieren auf einem Hochseil ist das Seil so straff gespannt, dass es sich kaum bewegt. Beim Slackline dehnt es sich unter der Last des Slackliners (engl. slack: lose, schlaff, entspannt).

Das Angebot im Zirkusladen ist vielfältig. "Als ich den Laden eröffnet habe, wollte ich eine Versicherung abschließen", sagt er. "In dem Berg von Unterlagen sollte ich ankreuzen, ob ich ein Geschäft für Sportbedarf, Spielwaren, Geschenkartikel oder ein Fahrradgeschäft habe." Irgendwie sei es von allem ein wenig gewesen, so Schlauch. "Da musste ein Vertreter persönlich vorbeikommen und wir haben gemeinsam ein bisher bei der Versicherung nicht bekanntes Firmenprofil erstellt."

Es sind kleine Geschichten und Anekdoten, die sich um den Laden ranken. So auch das Vorhaben eines rüstigen Rentners. "Der stand eines Tages bei mir auf der Matte und wollte, dass ich ihm das Fahren auf einem Einrad beibringe", sagt Schlauch. Seine Enkel hätten die Kunst beherrscht, dem Opa aber diese Fertigkeit nicht mehr zugetraut. "Der Mann hat dann Unterricht genommen und ist auf seiner Geburtstagsfeier zum 70. Geburtstag unter den Augen der Gäste auf der Bühne zum Rednerpult geradelt."

Mit dem Einradfahren hat es bei Schlauch, einem Sozialpädagogen, auch begonnen. "Das war ein Kindheitstraum von mir und wurde später zum Hobby", sagt er. Sein Laden war erst Trainingsraum, wurde später zum Geschäft. Jetzt ist er einer der führenden Einradhändler in Berlin. Von 60 bis 2000 Euro kosten die Räder. "Wir reparieren, bauen, verkaufen und geben Unterricht." Dann spricht Schlauch von dem Bau eines Unterwasser-Einrads. "Eigentlich war es ganz simpel. Nur die Frage, wie und womit der Reifen gefüllt werden sollte, hat uns beschäftigt", erzählt der Tüftler. "Nach vielen verworfenen Ideen haben wir mit einer Luftpumpe den Reifen unter Wasser mit Wasser gefüllt." Dann konnte Schlauch auf dem Grund des Swimming-Pools im Hotel Interconti seine Runden drehen.

Hinter der Fassade des Ladens werden viele Projekte organisiert, Kiezfeste realisiert und unterstützende Ideen begleitet. "Etwa Einrad-AGs in Schulen, Zirkusprojektwochen und Straßenfeste", sagt Schlauch. "Der Laden ist mittlerweile ein fester Bestandteil im Kiez." Er erzählt vom Zirkus für Sehbehinderte, für traumatisierte Kinder und Erwachsene mit Handicap. Unterstützung erfährt auch ein Kinderheim in Polen. Geld verdient Schlauch mit seinen Einrädern, selbst gemachten Sprungseilen und anderen halsbrecherischen Geräten.

"Der Bedarf an guten Jonglierrequisiten ist da", sagt er. Neben Hobbyartisten und angehenden Künstlern finden auch viele Profis den Weg in den Laden. "Mal ist das Gepäck auf dem Weg nach Berlin verschwunden, mal bleibt eine Kiste beim Zoll hängen", sagt der Chef. "Wenn ein Zirkus in Berlin gastiert, kommt so etwas immer mal vor. Dann sind wir im Notfall da." Artisten kommen auch vorbei, um die Übungsräume im ersten Stock zu nutzen.

Hilfe für das Auswärtige Amt

Begeistert berichtet Schlauch von Jugendlichen, die mit Jonglieren als Hobby begonnen haben und Jahre später Berufsartisten sind. Hilfe gab es auch schon für den russischen Staatszirkus oder für die Restaurantshow "Pomp, Duck and Circumstance". "Da konnten wir mit einem Einrad aushelfen." Mit Rat und Tat stand Schlauch auch schon dem Auswärtigen Amt zur Seite. Für einen Kinderzirkus in Russland, ein Sozialprojekt, sollten nützliche Requisiten und Geräte zusammengestellt und verschickt werden. "Da konnten wir helfen, weil wir ja wussten, was die kleinen Artisten brauchten."

Schlauch sitzt mit einer Auszubildenden vor dem Geschäft. Zigarettenpause. Sie sprechen über die Internetseite für das Geschäft. So recht behagt ihm das Thema nicht. "Internet muss heute wohl sein", sagt er. Da ginge es weniger um die Preise der Artikel, als um die Bequemlichkeit der Käufer. "Wir würden lieber unsere Kunden sehen und persönlich mit ihnen sprechen", sagt Schlauch. Um noch mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene für Zirkusartistik zu interessieren, will Schlauch beginnen, Einräder und Jonglierrequisiten zu verleihen. "Da können sie erst einmal ausprobieren, ob ihnen das liegt."

Der kleine Zirkusladen Schillerstr. 70, Charlottenburg, Tel. 31 31 380, Öffnungszeiten Mo.-Sbd. 11-19 Uhr, zirkusladen.de