Theater

"Don Quichote" in der JVA Tegel

Ohne leichten Grusel geht es nicht ab, aber das sollte einem der Ausflug zum Gefängnistheater "aufBruch" schon wert sein: metallene Eingangsschleusen, kleine Schließfächer, in denen selbst die Kaugummis warten müssen, Ganzkörpervisitationen, Passfotovergleich mit strengem Blick.

Doch dann erlebt man im Innenhof der Justizvollzugsanstalt Tegel eine lebendige Version von Cervantes' 400 Jahre alter Geschichte vom Ritter mit der traurigen Gestalt: Ein Erzähler verbindet die Episoden von "Don Quichote", kraftvolle Chöre singen "Flieger, grüß mir die Sonne", stemmen Barocklyrik und Heiner Müller dazwischen. Der Witz lauert in Doppeldeutigkeiten: "Abhauen? Hauptsache man kommt mal raus hier!" lässt sich aufs spanische Kaff wie auf die JVA münzen.

Schlaglichtartig leuchten einzelne Roman-Episoden als markantes Volkstheater auf: Der Aufbruch des verrückten Bücherwurms, sein Ritterschlag in einem Wirtshaus, der Kampf gegen die Windmühlen. Mit den Szenen wechseln die Darsteller von Don Quichote und Sancho Pansa: Einmal ist der Ritter ein intellektueller Phantast, sein Diener der laufende Berliner Mutterwitz. Ein andermal steckt heißes spanisches Blut im Don Quichote, zum Schluss stürmt er als strahlend junger Idealist gegen einen Hofstaat in Perücken an.

Auch in seiner zehnten Tegeler Produktion schafft es Regisseur Peter Atanassow, die Talente der Inhaftierten zu mobilisieren. Die Figuren sind typgerecht besetzt, als Chor formen sie eine erdrückende, als Krieger eine bedrohliche Masse. Ein schräger Kracher sorgt immer wieder für Szenenapplaus: die Frauenrollen sind mit Männern besetzt, wie zu Shakespeares Zeiten.

Falls es regnen sollte: Schirme dürfen nicht mitgebracht werden, Regencapes sind erlaubt. Dezent im Hintergrund wacht das JVA-Personal. Wenn auf der anderen Seite des Hofes jene Inhaftierten, die nicht mitspielen, hinter ihren vergitterten Fenstern stehen und das Publikum anstarren, ist plötzlich gar nicht mehr so klar, wer hier Zuschauer ist und wer der Beobachtete.

JVA Tegel , Seidelstraße 39, Tegel, Tor 2, Termine: 6., 8., 13., 15. Juli, 18 Uhr (Einlass bis 17.30 Uhr). Karten sind nur im Vorverkauf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz erhältlich - mit persönlicher Anmeldung spätestens fünf Tage vor der Vorstellung, Infos und Kartenbestellung unter Tel. 24 06 57 77. Notwendige Angaben: Name, Meldeadresse und Geburtsdatum. Die Karten sind nicht übertragbar. Der Besuch der Vorstellung ist nur nach Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Reisepasses erlaubt.

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