Mein perfekter Sonntag

Ein Bio-Eis am Landwehrkanal

Die Schauspielerin Pegah Ferydoni nimmt den Sonntag sehr ernst - und flaniert durch ihren Lieblingskiez

Ein Sonntagnachmittag mit Pegah Ferydoni ist ein Sprung ins pralle Leben. Wir starten vor dem Kirk Royal , wo das Paul-Lincke-Ufer auf die Kottbusser Brücke trifft. Junges Volk zieht in einem stetigen Strom von Kreuzberg nach Neukölln und umgekehrt. Mittendrin lässt sich eine Radfahrergruppe die Eigenheiten des Szene-Reviers von ihrem behelmten Stadtführer erklären. Ein Treffen an der Schnittstelle zu Kreuzkölln. "Die meisten Menschen in Medienberufen kennen den perfekten Sonntag nur aus ihrer Kindheit", sagt die Schauspielerin und Moderatorin. "Mir ging das lange Zeit genauso. Irgendwas war immer: Musik, Dreharbeiten, Theaterproben, Ehrenämter. Seit einiger Zeit arbeite ich hart daran, mich zurück zu nehmen. Ich lasse meine Agentin am Wochenende in Frieden und rufe nur in Ausnahmefällen an. Diese ständige Verfügbarkeit über Internet oder Smartphones bringt doch nichts. Von daher bin ich auch gegen völlig liberalisierte Öffnungszeiten im Einzelhandel", bilanziert sie und entdeckt im sonntäglichen Menschenstrom einen Bekannten vom letzten Thailand-Aufenthalt.

Blues hören auf der Terrasse

Sie winkt, es kommt zum kurzen Schwätzchen und weiter geht's: Ein kurzer Schwenk auf ihre musikalische Laufbahn, die bereits im Alter von 13, 14 Jahren mit einem Vertrag bei einer großen Plattenfirma begann. "Ein einziges großes Teenager-Missverständnis", erzählt sie mit einem verschmitzten Grinsen. Ihre aktuelle Band Shanghai Electric liegt gerade auf Eis und sie erzählt von ihrem Faible für erdige, seelenvolle Musik: "Bluegrass, alter Soul und solche Sachen." Wie zur Bekräftigung kann sie auf ein Mitglied der US-amerikanischen Bluestruppe Cyclown Circus verweisen, der zufällig vorbeispaziert. "Die Jungs sind gerade länger in Berlin." Man merkt schnell, dass Pegah Ferydoni eine Menschenfischerin ist. Mit dem Kiez auf Du und Du. "Die Gestaltung meiner Sonntage hängt letztlich davon ab, wie stressig die Woche davor gelaufen ist", sagt sie. "Manchmal bin ich damit zufrieden, wenn ich einfach nur auf meiner Neuköllner Terrasse sitzen und Blues hören kann. Ansonsten ist es ein perfekter Tag für ein Essen mit Freunden." Ganz spontan empfiehlt sie das Restaurant Chan einige Häuser weiter am Paul-Lincke-Ufer, das sie für eine der besten asiatischen Küchen der Gegend hält.

Seit Ferydoni mit Verve und Gespür für Zwischentöne das rebellische Kopftuchmädchen Yagmur in der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" gespielt hat, läuft es gut für die Reinickendorferin, die als kleines Kind mit ihren Eltern aus dem Iran nach Berlin flüchten musste. Im Zuge des Erfolgs der unterhaltsamen TV-Milieustudie kann sie ihre Hyperaktivität auf vielen Kanälen ausleben. Im fliegenden Wechsel geht es von der Musik- und Theaterbühne vor die Kameras und zurück - wobei es weiterhin politische und soziale Projekte mit kleinem Budget sind, die ihr am Herzen liegen: Wenn etwa ihre Stammbühne vom Heimathafen Neukölln zum 60. Jahrestag der Genfer Flüchtlingskonventionen ein Festival mit Stücken, Filmen und Debatten veranstaltet, ist sie aktiv dabei. Beim Nischenkanal ZDF Kultur moderiert sie zudem das neue Magazin "zdf.kulturpalast" und durchstreift im gewohnten Tempo einmal wöchentlich die Welt der Schönen Künste. Wir schauen im Programmkino Moviemento auf dem Kottbusser Damm vorbei, wo gerade der Dokumentar-Film "The Green Wave" über die iranische Protestbewegung läuft.

Comic-Double auf der Leinwand

Pegah Ferydoni erläutert en passant die Herkunft ihres Nachnamens, der auf eine georgische Enklave in Persien zurückgeht. "Meine Vorfahren haben Brücken und Straßen für die Pfauenthron-Herrscher gebaut." Die Spielszenen des Films sind in einer Animation aufgelöst, für die Ferydoni in einer mehrtägigen Session gefilmt wurde. Auf diese Weise rebelliert ihr Comic-Double auf den Straßen ihrer Geburtsstadt Teheran gegen das Mullah-Regime. Eine Rolle, die zu der kämpferischen Berlinerin passt.

"Meine Mutter hätte es schon gerne gesehen, wenn ich Jura studiert und scheinbar solides Geld verdient hätte", erinnert sie sich. "Die Eltern wollten einfach nicht glauben, dass ein künstlerischer Lebenslauf funktionieren kann." Bei einem Abstecher über die Graefestraße kommt es zu einem Besuch bei Pulse Percussion , der Musikalienhandlung von Michael Bothe. Hier hat Pegah Ferydoni früher gewohnt und stets die Percussion-Instrumente und exotischen Nasenorgeln bewundert, die ihr Ex-Nachbar im Angebot hat.

Pegah Ferydoni beschäftigt sich gerne mit den vielfältigen Nischen und Brüchen, die hier hinter jeder Straßenecke lauern. Von der Gaststätte Intertank in der Manteuffelstraße weiß sie ganz nebenbei zu berichten, dass sich dort in den 1950er-Jahren die berüchtigten Ringvereine trafen; ein historischer Gangstertreff der besonderen Art. Zum Abschluss noch ein Bio-Eis im Eiscafé Isabel an der Admiralbrücke: "Bei mir ist eigentlich jeder Tag Sonntag", sagt Ferydoni und lässt ihren Blick über den Landwehrkanal schweifen. "Das liegt daran, dass ich meine Arbeit wahnsinnig gerne mache. Selbst wenn diese zuweilen körperlich und psychisch sehr anstrengend ist. Am Ende des Tages erfüllt mich das sehr."

"Diese ständige Verfügbarkeit über Internet oder Handy bringt nichts."

Pegah Ferydoni, Schauspielerin