Gourmetspitzen

Restaurant und Küche sind bürgerlich im besten Sinne

Wie schön, wenn die Erwartungen des Gastes im Restaurant noch übertroffen werden. Mir passiert das nicht allzu häufig, weil eine klare Einordnung der Küche den realistischen Rahmen setzt, aber im E.T.A. Hoffmann an der Yorckstraße hatte auch ich ein derartig positives Erlebnis - ein wahrer Genuss-Test.

Eine für mich (zumindest bei meinem Besuch) echte Sterneküche, ungerechterweise noch ohne Michelin-Stern, ein Service vom Feinsten und dazu erstklassige Weinpflege. Alles von einem jungen frischfröhlichen Team zelebriert, das zu Recht von der Jury der Berlin-Partner- Aktion Meisterköche in den Kategorien Maitre und Sommelier für die Jahresauszeichnung nominiert wurde.

Schon das Amuse Bouche, der Gruß aus der Küche, eine enge Umarmung von Rustikalem und Feinem war eine Offenbarung. Dieser oft so einfallslose Einstieg ins Menü war hier eine kleine, herzhafte Tafelspitz- Sülze im Glas, ein kurzgebratener Thunfischhappen und butterzarte Späne vom Kalbsbraten. Es folgte die perfekt abgeschmeckte geeiste Gazpacho mit gerösteten Pulpostreifen. Und dann schon der erste Höhepunkt, hausgemachte Entenleber-Terrine mit Mandel-Krokant und Brioche, begleitet von einer feinen Säure der marinierten Aprikose. Die Kombination von Frucht sowie Fleisch oder Fisch erlebten wir ebenfalls beim hausgebeizten kanadischen Wildlachs mit fein gewürztem Bergpfirsich-Pfifferlings-Salat und Keta-Kaviar. Oft hinken die Hauptgänge hinter den kreativen Vorspeisen her, auch in guten Restaurants. Bei Thomas Kurt, Koch und Restaurateur, gab es gegenläufig zum Trend dagegen noch mal eine Steigerung. Die Rehnüsschen (vom Brandenburger Rehbock) waren zart wie irische Butter, köstlich dazu Kohlrabi-Fäden mit Estragon parfümiert, Schupfnudeln und Rahmpilze.

Ich war hell begeistert vom Entrecote unter der Kräuter-Senfkruste, nicht allein von der Würze, auch von der Fleischqualität und wie es auf den Punkt gegart noch mit blutigem Kern (wer das mag) serviert wurde. Kurt betonte, dass es sich nur um gut abgehangenes argentinisches Beef handelt, also keine extrem teure Edelware, aber mit besonderer Sorgfalt zubereitet.

Weitere Speisen charakterisieren die Art und die Richtung, wie hier gekocht wird: klassisch, aber modern interpretiert. Wie das gebackene Lammzünglein mit einer Basilikum-Frischkäseterrine und mild mariniertem Gemüse. Auch der italienische Bestseller Vitello Tonnato wird geschmacklich individuell verbessert. Kurt wählt dazu Kalbstafelspitz und Thunfisch, macht das Gericht aber mit Melone leichter. Die zarte Perlhuhnbrust wird durch Lauch herzhafter und mit Blutwurst-Knödel zu einem eigenwilligen Gericht. Nur die Dessert-Abteilung ist dünn besetzt. Zwar ist die Käseauswahl sehr gut, aber den echten "Süßen" unter den Feinschmeckern ist eine Pfirsich-Variation und Crème brûlée mit Passionsfrucht und Blaubeere als Auswahl zu wenig.

Die Menüs sind die kundenfreundlichen Empfehlungen und die einzelnen Gänge frei zusammenstellbar. Drei Gänge sind mit 39 Euro echt preiswert. Wer den begleitenden Wein liebt, aber nicht besonders viel Ahnung davon hat, bekommt auf Wunsch ein Viergang-Menü, jeweils mit einem Glas korrespondierendem Wein für 70 Euro. Liebhaber, für die Wein mehr als nur ein Getränk ist, finden allerdings in der Weinkarte mit 150 Positionen ein Lustobjekt.

Die Betonung des deutschen Weins ist überhaupt kein Problem, wenn auch Andersschmecker eine Chance bekommen. Das nach dem Dichter und Komponisten E.T.A. Hoffmann benannte Restaurant im Hotel Riemers Hofgarten offeriert die komplette Palette großer Montrachets und anderer weißer Burgunder und ebenso die vorzüglichen Cabernet Sauvignons und Merlots aus Bordeaux und weiteren Anbaugebieten in aller Welt. Ich wählte das Bordeaux-Zweitgewächs Leoville Poyee, das mit 72 Euro kaum über dem Einkaufspreis kalkuliert ist.

Natürlich gibt es für eine besonders sympathische Art des Chefkochs oder des Restaurateurs keine Bonuspunkte in der Gesamtwertung, wohl aber dafür, wenn er für eine liebenswerte und angenehme Atmosphäre für den Gast sorgt. Das ist in diesem legeren, unverkrampften Restaurant mit Pariser Brasserie-Ambiente unbedingt der Fall.

Typisch ist das Motto des Hauses: "Niemals Chi Chi, lieber bürgerlich im besten Sinne." Exakt so erlebte ich Restaurant und Küche. Einen letzten kleinen Vorteil nennt Kurt mit Hinweis auf die Speisekarte: Kein Gast benötigt ein Fremdwörterbuch, um unsere Gerichte lesen zu können. Und das ist inzwischen ein großer Unterschied zu etlichen anderen Karten.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

E.T.A. Hoffmann Thomas Kurt cuisine classic, Yorckstraße 83, Kreuzberg, Tel. 78 09 88 00, geöffnet: Mi.-Mo. ab 17 Uhr, alle gängigen Kreditkarten