Mein perfekter Sonntag

Die Frau für anspruchsvolle Rollen

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Dirk Westphal

An dem Tag, als Jenny Schily eiligen Schrittes auf das Schwarze Café zugelaufen kommt, geht über der Kantstraße ein tropenartiger Regen nieder. Den Himmel bedecken riesige graue Wolken, es ist unerträglich schwül, 29 Grad, und es regnet unablässig.

Das Wetter passt zu unserem Treffen mit der Schauspielerin. Vor einigen Monaten noch stand die Berlinerin im tropischen Kamerun vor der Kamera. "Schlafkrankheit" heißt der dort produzierte Film, in dem Jenny Schily die Frau eines Entwicklungshelfers spielt. Während sie nach Deutschland zurückkehrt, bleibt ihr Mann in der internationalen Community der Hilfsorganisationen in Kamerun zurück, ein Schatten seiner selbst. Es sei ein Film "über Identität und Verortung", sagt Jenny Schily, über "Begriffe, die uns alle mal in unterschiedlicher Weise beschäftigen".

Der Sonntag als Hypothese

In das Schwarze Café kommt die 44-Jährige mal zum Brunch, mal am Abend. Die Charlottenburgerin hat zwei Töchter, und da kann man nicht immer ausgehen, wenn man Lust hat. Jenny Schily hat damit jedoch kein Problem. "Der perfekte Sonntag", sagt sie, "ist ja ohnehin eine virtuelle Angelegenheit, eine Hypothese, in der sich alle Wünsche konzentrieren". Teil eines schönen Sonntags sei für sie die Entspannung. Und dass keine Not aufkomme, "ein Programm abzuarbeiten".

Dass sie Schauspielerin werden würde, war lange Zeit nicht absehbar. Jenny Schily ist die Tochter von Otto Schily. Sie wurde 1967 in Berlin geboren, machte dort Abitur und studierte zunächst Slawistik, die russische Literatur hatte es ihr angetan. Anders als jene Schauspieler, die schon in ihrer Kindheit die Lust am Spielen entdeckten und ihre Bühne fanden, vor Schulkameraden oder Zuhause, und deren Eltern vielleicht sogar selbst Schauspieler sind, kroch der Wunsch bei ihr "langsam in den Kopf". Anfang der 90er-Jahre wusste sie dann, dass es Schauspiel sein sollte. Sie sprach an der Ernst-Busch-Schule vor und wurde genommen. Bereut hat sie es nicht. "Für mich ist das der Weg", sagt sie.

Ihr Vater war anfangs skeptisch, wohl hauptsächlich wegen der scheinbar fehlenden Aussicht auf Sicherheit. Jenny Schily machte trotzdem weiter. Sie ging an das Staatsschauspiel in Dresden, wo sie die Rolle der"Nina" in Tschechows "Möwe" spielte. Otto Schily kam zur Premiere, und schlecht kann er die Darstellung seiner Tochter nicht gefunden haben. Er schätze seither ihre Arbeit, sagt sie. Kennt sie die Probleme, die einige ihrer Kollegen mit den Pausen zwischen Engagements haben, die die Leere beispielsweise mit Alkohol kompensieren? Die Schauspielerei, sagt Jenny Schily etwas ausweichend, sei "ein seltsam schöner Beruf mit wenigen Konstanten". Das müsse man "genießen können".

Bei ihr war der Genuss bislang nur von kleinen Dingen getrübt. Als sie in Dresden ihr erstes Engagement hatte, das erste Mal die tristen Plattenbauviertel rund um den Dresdner Hauptbahnhof sah, damals in den 90er-Jahren, da dachte sie kurzfristig an die Rückkehr nach Berlin. Doch das Rollenangebot in Tschechows "Möwe" war zu verlockend, um am Anfang der Berufslaufbahn gleich wieder abzubrechen. Und so kam es, dass Jenny Schily öfter an den Brühlschen Terrassen an der Elbe entlang radelte, manchmal ein Eis dabei essend und auf die Elbwiesen blickend. Dresden hatte für sie Farbe bekommen. Während sie von der Zeit erzählt, steuern wir auf die Charlottenburger Bäckerei Aux Delices Normands zu, die sehr farbenreiche Kuchenkreationen anbietet. Gelegentlich macht die Schauspielerin dort einen Zwischenstopp, um ein Stück Obstkuchen mit nach Hause zu nehmen, so wie dieses Mal, nur dass wir nicht zu ihr nach Hause fahren, sondern in den Südwesten Berlins, zur Kirche Sankt Peter und Paul .

Romantische Kirchenhochzeit

Das Gotteshaus in Nikolskoe hat für sie eine besondere Bedeutung. 2006 heiratete Jenny Schily in der Kirche ihren Mann Thomas, einen Musiker und Komponisten, den sie am Frankfurter "TAT" kennengelernt hatte. Schöner als Sankt Peter und Paul liegt wohl keine Kirche in Berlin. Das von Stüler entworfene Gebäude liegt auf einem Hügel und bietet einen überwältigenden Blick über die Havel. Die Kirche ist ein aus Backstein errichteter Traum für Romantiker. Dass Jenny Schily kirchlich heiratete, ist nicht nur der schönen Umgebung in Nikolskoe oder der verträumten Architektur geschuldet. "Ich bin ein gläubiger Mensch", sagt die Schauspielerin. Sie ist überzeugte Protestantin. Der Glaube sei jedoch nicht im Elternhaus erwachsen, sondern in ihr herangereift. Als sie dies erzählt, beginnt es, erneut zu regnen. Und so steuern wir zügig den letzten Punkt ihres perfekten Sonntags an, die Osteria No. 1 an der Kreuzbergstraße. Dorthin kann sie auch schon mal ihre 4-jährige Tochter mitnehmen. Die Tische sind mit Papiertischdecken abgedeckt. Für Kinder gibt es Buntstifte, mit denen die Kleinen dann munter drauf los malen können. Und wenn das nicht reicht: Im Garten gibt es auch einen Buddelkasten.

Wer Jenny Schily außer in "Schlafkrankheit (seit 23.6. in den Kinos) sehen will, muss nicht warten. Sie spielt am Maxim Gorki Theater, und im Herbst ist sie in dem Film "Das System" zu sehen. Kann sie sich vorstellen, Berlin für neue Projekte zu verlassen? Momentan wohl nicht, sie sagt: "Ich bin hier sehr verankert."

"Das Schönste an Berlin ist dessen Vielseitigkeit"

Jenny Schily, Schauspielerin